Gefährlicher Trend kommt aus England
Wenn Alkohol das Essen ersetzt

von Harald Frohnwieser

Wer saufen geht, braucht eine gute Unterlage, sagt der Volksmund. Und meint wohl damit, dass man – hat man vor einem Trinkgelage einen fetten Schweinsbraten oder zumindest ein Schnitzel verdrückt – mehr Alkohol verträgt. Was freilich nur bedingt zutrifft (siehe auch „Von Mythen und Märchen). Jetzt aber entwickelt sich ein gefährlicher Trend in Großbritannien: Immer mehr junge Erwachsene geben sich zwar figurbewusst, wollen aber auf ausgelassene Partys und dem dazugehörigen kalorienreichen Alkohol dennoch nicht verzichten. Also wird ausgiebig gehungert, bevor umso ausgiebiger gefeiert wird. Mediziner warnen Vorsitzende des wohltätigen Drinkaware-Verbandes für Aufklärung, Elaine Hindaljetzt, dass diese Praxis, von körperlichen Schäden wie Leber- oder Herzversagen einmal abgesehen, sehr schnell zu einer Alkoholsucht werden kann.

Die Vorsitzende des wohltätigen Drinkaware-Verbandes für Aufklärung rund um den Missbrauch von Alkohol, ist besorgt. „Es mag gar nicht schlecht sein, sich über die Nährwerte von Alkohol bewusst zu werden, um sie in den Verbrauch einzuberechnen, jedoch kann so aus einer harmlosen Taktik schnell eine gefährliche Sucht entstehen“, warnt Elaine Hindal jeden, der vor dem Alkoholkonsum eine Diät einlegt. Denn: Der Alkohol gelangt schneller ins Blut und bleibt länger im Körper, was eine Abhängigkeit begünstigen kann. Die Suchtgefährdung ist aber nicht die einzige Gefahr, die Hindal ausmacht. In einem Interview mit der britischen Zeitung „Daily Mail“ gab sie zu bedenken: „Nichts oder weniger zu essen, um mehr Kalorien in Form von Alkohol zu sich nehmen zu können, kann zu Alkoholvergiftungen, Bewusstlosigkeit und geistiger Verwirrung führen.“
Britische Medien haben dem neuen Phänomen schon einen Namen gegeben: Drunkorexia, Experten wiederum sprechen von Alkorexie. Erstmals wurde 2008 darüber berichtet, doch seither verbreitet sich diese Praxis mit einer enormen Geschwindigkeit. Denn immer mehr Menschen fürchten sich davor, dick zu werden, um auf den Fotos, die sie von sich in den sozialen Netzwerken posten, hübsch und vor allem schlank auszusehen. Gleichzeitig aber wollen sie auf Partymachen und Saufgelage nicht verzichten, was wiederum die Kalorienrechner, die es im Internet zuhauf gibt, zum Zug kommen lässt.
Besorgniserregende Statistik
Und die wiederum besagen, dass eine Mahlzeit plus reichlich Alkohol ein richtiger Dickmacher ist. Also verzichten laut einer Befragung von 3000 Männern und Frauen, Eine Statistik, mit rund 3000 Probanden, Skizziert wie viel Prozent vor dem Alkoholkonsum bewusst nichts essendie vom britischen Gesundheitsverband Benenden durchgeführt wurde, rund 40 Prozent der 25- bis 34-Jährigen lieber aufs Essen als auf die Drinks, die 18- bis 34-Jährigen liegen mit 39 Prozent knapp darunter. Aber auch in der Gruppe der 35- bis 44-Jährigen gibt es nicht wenige, die sich lieber mit nüchternem Magen betrinken als mit einem vollen Bauch: knapp 21,5 Prozent glauben, dass sie schlank bleiben, wenn sie vor dem Trinken auf ihre Nahrungsaufnahme verzichten. Bei den 45- bis 54-Jährigen sind es nur zwölf Prozent und in der Altersgruppe 55 plus sind es nur noch neun bis zehn Prozent, die diesem Trend folgen. Alles in allem gab fasst ein Fünftel (18 Prozent) aller Befragten an, lieber zu saufen als zu essen. Wobei die Frauen mit 19 Prozent etwas vor den Männern (17 Prozent) liegen.
So wenig Kalorien wie es geht
Brian gehört zur jüngeren Generation. Der 28-Jährige ist sportlich und auch sehr schlank. Vor allem Letzteres möchte der kaufmännische Angestellte auch bleiben, weshalb er nach einem bestimmten Schema lebt. „Wenn ich weiß, dass ich abends noch Großes vorhabe, dann halte ich mich schon tagsüber an eine strenge Routine“, erzählt er in einem Interview. Die Routine lautet: so viele Proteine und so wenig Kalorien zu sich nehmen wie möglich: „Dann esse ich zum Beispiel viel Geflügel über den Tag verteilt. Und dann versuche ich abends alles abzutanzen, was möglicherweise über meinem Tageslimit lag.“ Wie oft er das macht? Brian: „Nicht so oft, ungefähr einmal pro Woche. Ich glaube nicht, dass das so gefährlich ist.“
„Ich lasse oft Mahlzeiten aus“
Mag sein, immerhin nimmt er untertags Nahrung zu sich. Die gleichaltrige Ann geht die Sache schon radikaler an. „Ich lasse oft Mahlzeiten aus, obwohl ich weiß dass es nicht gesund ist, vor dem Trinken nichts zu essen. Aber mein Metabolismus (Stoffwechsel, Anm.) ist wirklich träge und langsam, und ich versuche gerade, abzunehmen. Ein paar Mahlzeiten und Snacks zu überspringen lässt mir mehr Freiheit, wenn ich mit Freunden ausgehe und trinke.“
Aber genau diese alkoholbedingte „Diät“, die von immer mehr jungen Erwachsenen angewendet wird, bereitet Elaine Hindal große Sorgen. „Dieses Verhalten zu einer regelmäßigen Praxis zu machen kann chronische Gesundheitsschäden zur Folge haben wie Leber- oder Herzversagen und es kann sogar Krebs verursachen“, sagt sie und rät: „Wer Gewichtsverlust anstrebt, sollte das auf gesunde Weise tun und hierzu lieber den Alkoholkonsum einschränken als das Essen. In Alkohol stecken sogenannte ,leere' Kalorien, das sind Kalorien, die keinerlei Nahrungsmehrwert haben.“
Fehlendes Bewusstsein für gesunde Ernährung
Der ärztliche Leiter von Benenden, Dr. John Giles, kommentiert diesen gefährlichen Trend ebenfalls mit großer Sorge: „Obwohl es zum Glück viele junge Menschen gibt, die wenig trinken, stellen wiederum nicht wenige junge Erwachsene ihren ausufernden Alkoholkonsum vor einer gesunden Ernährung.“ Warum das so ist? „Einerseits könnte es mit einem fehlenden Bewusstsein für eine ausgewogene, gesunde Ernährung, andererseits könnte es auch mit mangelnder Bildung generell zu tun haben.“ Wie er und seine Kollegen der immer weiter verbreitenden Alkorexie entgegentreten könnten, dafür scheint der Arzt bereits ein Rezept gefunden zu haben: „Wir müssen daran arbeiten, die Menschen zu erreichen und sie ermutigen, mehr Eigenverantwortung für sich zu übernehmen.“
Ein gutes Vorhaben, das freilich sehr schnell umgesetzt werden soll!

Foto: drinkaware.co.uk (1) Grafik: Thomas Frohnwieser (1)