WHO-Gesundheitsvertreterin Claudia Stein schlägt Alarm
„Wir Europäer sind Trink-Weltmeister“

von Harald Frohnwieser

Nun ist es amtlich: Von allen Weltregionen trinken die Europäer den meisten Alkohol. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zwar bereits darauf hingewiesen, doch der im September 2015 erschienene Bericht sorgt dennoch für Aufsehen. Während in anderen Regionen der Alkoholkonsum eingedämmt werden konnte, ist er laut der Studien-Autoren in Europa alarmierend hoch, auch wenn der Anteil der Trinker in vielen Teilen Europas gegenüber den Vorjahren doch ein wenig zurückging. Die traurige Trinker-Hitparade wird angeführt von Weißrussland mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 14,4 Liter reinen Alkohol, Litauen (12,9 Liter) und Österreich (12,1 Liter). Ebenfalls zur Spitzengruppe zählen die Deutschen, die im Schnitt 11 Liter reinen Alkohol im Jahr trinken.

WHO-Vertreterin Claudia SteinMit diesem Rekord hat WHO-Vertreterin Claudia Stein, Leiterin der Abteilung Information, Evidenz, Forschung und Innovation des Regionalbüros von Europa, keine Freude. „Wir Europäer sind Weltmeister beim Rauchen und beim Trinken, aber das ist kein guter Rekord“, sagte sie bei der Präsentation des Europäischen Gesundheitsbericht 2015 in London. Aber nicht nur die Sucht nach Alkohol und Tabak beschert der Expertin Kopfzerbrechen, hinzu kommt, dass die Europäer immer dicker werden und auf diesem Gebiet bald mit den US-Amerikanern gleichziehen werden. „Wenn die Raten beim Rauchen und beim Alkoholkonsum und bei der Fettleibigkeit nicht zurückgehen, könnten wir die erzielten Gewinne bei der Lebenserwartung aufs Spiel setzen. Was bedeutet, dass die nächste Generation kürzere Leben führen können als wir“, blickt Stein besorgt in die Zukunft.
World Health Organization (WHO) LogoVor allem der Alkohol bereitet den Wissenschaftlern der WHO große Sorgen. Während in Nord- und Südamerika 8,4 Liter reinen Alkohol pro Kopf und pro Jahr getrunken werden, in Norwegen 6,6, in Afrika 6, in Südostasien 3,5 und in den Staaten östlich des Mittelmeers aufgrund ihrer Religion (der Islam verbietet den Konsum von Alkohol) lediglich 0,7 Liter getrunken werden, trinkt statistisch gesehen jeder Europäer 11 Liter reinen Alkohol im Jahr.
Wie kann man gegensteuern?
Wie kann man aber diesem besorgniserregenden Trend gegensteuern? Dazu Claudia Stein im Wissenschaftsmagazin „nano“ des Fernsehsenders 3-Sat: „Das hängt von drei Ebenen ab, und zwar von der politischen, der gesellschaftlichen und der individuellen Ebene. Die Gesundheitspolitik sollte ein Anliegen von allen politischen Bereichen sein, nicht nur der einzelnen Gesundheitsressorts. Hier kann man sehr viel bewirken, die Rauchverbote in Restaurants und Lokalen oder die Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen sind bezüglich des Tabakkonsums sehr wirkungsvoll“, ist Stein überzeugt. Deshalb könne sie sich vorstellen, dass eine höhere Besteuerung auf Alkohol durchaus sinnvoll wäre. Aber: „Die Menschen dürfen sich nicht nur auf die Politik verlassen. Jeder Einzelne hat die Möglichkeit, seinen Alkoholkonsum einschränken.“
Österreich nach wie vor im Spitzenfeld
Der gesellschaftliche Aspekt stimmt in den meisten Ländern freilich nicht sehr positiv, Alkohol ist praktisch überall verfügbar und toleriert. Vor allem in Österreich sei die Verfügbarkeit des Alkohols besonders hoch, kritisieren österreichische Suchtexperten schon seit längerer Zeit. Dazu komme, dass die Bewohner der Alpenrepublik sowohl die Beck´s Bier mit Warnhinweis für Schwangere und Autofahrersüdländischen als auch die skandinavischen Trinkgewohnheiten zum Vorbild nehmen. Während in den südlichen Regionen Alkohol bereits zum Mittagstisch dazugehören, pflegt man in den nordischen Ländern das sogenannte Rauschtrinken. Und in Österreich werde beides gepflegt, so die Suchtforscher. „Österreich hat ein Alkoholproblem und zwar nicht aktuell, sondern traditionell. Bei uns wird keine Situation ausgelassen, um Alkohol zu konsumieren. Oder kennen Sie ein Land mit dieser Frühschoppenkultur, wo bereits am Vormittag Bier getrunken wird“, stellt der Internist und Leberspezialist Andreas Maieron vom Krankenhaus Elisabethinen in Linz in einem Interview mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“ die Frage.
Alkoholismus als nationale Seuche
Freilich, nicht nur in Österreich, auch in Großbritannien, das einen Pro-Kopf-Verbrauch von 11,7 reinen Liter Alkohol im Jahr aufweist, ist der weit verbreitete Alkoholkonsum ein großes Problem. Untersuchungen zufolge trinken drei von vier Briten Alkohol in einem besorgniserregendem Ausmaß. Britische Abgeordnete bezeichneten im Jahr 2014 den Alkoholismus sogar als nationale Seuche, wobei sich die Zahl der Lebererkrankungen gegenüber von 1970 verfünffacht hat. Die Abgeordneten verlangten daher von der Regierung, dass ähnlich wie auf Zigarettenpackungen auch auf Bier-, Wein- und Schnapsetiketten Warnhinweise, die auf die Gefahren des Alkohols aufmerksam machen, stehen müssten. Zumindest einen Teilerfolg konnten sie mit ihrer Forderung bisher erzielen: Eine britische Bierbrauerei hat sich dazu entschlossen, einen solchen Warnhinweis auf ihre Etiketten anzubringen. Auch in Belgien, den Niederlanden und in Dänemark sind einige Bierbrauer diesem Beispiel gefolgt. Aber EU-weit diskutiert man bereits seit mehreren Jahren über solche Maßnahmen, bisher leider ohne Erfolg.

Kommentar:

Europas gesundheitliche Herausforderung der kommenden Jahre wird sicher sein, den Alkoholkonsum einzuschränken. Aber solange einzelne Regierungen diesen traurigen Rekord nicht wahrhaben wollen und ihn einfach verschlafen, ist mit Recht zu befürchten, dass sich diesbezüglich nichts ändern wird. So müssten die Alarmglocken in den diversen Gesundheitsministerien schon längst Sturm läuten, wenn es um die Verbreitung der Alkoholsucht geht, doch anscheinend stellt man sich lieber taub, als nicht immer bequeme Maßnahmen zu setzen. In Österreich machen beispielsweise schon seit Jahren Suchtexperten darauf aufmerksam, dass die Alkoholkonsumenten immer jünger werden, auch „Alk-Info“ hat schon mehrmals darüber berichtet. Dass das Einstiegsalter bereits bei elf Jahren liegt und schon 15-Jährige körperlich vom Alkohol abhängig sind, ist eine Tatsache, aber geschehen ist bisher – außer lautstarke Ankündigungen, dass man etwas dagegen unternehmen werde – nichts. Es ist ein unglaublicher Skandal, wie man hier mit einer Bedrohung für die Gesundheit der Menschen umgeht. Denn eines ist klar: Wenn nicht gegengesteuert wird, werden wir weiterhin Weltmeister bleiben. Egal ob in Weißrussland in Litauen, in Österreich, in Großbritannien oder in Deutschland. Alkoholismus ist ein gesamteuropäisches Problem, das viel zu groß und wohl auch zu gefährlich ist, als dass man es verschlafen darf. Die Politiker in allen Ländern sind gefordert, endlich aufzuwachen!

fro

Fotos: Anheuser-Busch InBev (1), euro.who.int (1)