Die zwölf Schritte der AA (Schritte 7 - 12)
Wir kamen zu dem Glauben…, Teil 2

von Harald Frohnwieser

„Denken Sie daran, dass wir es mit Alkohol zu tun haben: Er ist verschlagen, trügerisch, mächtig! Ohne Hilfe ist es viel zu schwer für uns. Aber es gibt einen, der alle Kraft hat – und das ist Gott. Mögen Sie ihn jetzt finden. (…) Hier sind die Schritte, die wir gegangen sind und die als Programm zur Genesung empfohlen werden“, umriss einst der Mit-Begründer der Anonymen Alkoholiker (AA), Bill Wilson, die Zwölf Schritte, die er gemeinsam mit anderen trockenen Alkoholiker entwickelt und 1939 im Buch „Anonyme Alkoholiker“ vorgestellt hatte. In dem Buch „Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen“ wurde auf die Schritte näher eingegangen. Bill Wilson beschrieb hier deren spirituellen Hintergründe, nicht ohne immer wieder anzumerken, wie wichtig jeder einzelne Schritt für eine Genesung sei. Lesen Sie hier über die Schritte sieben bis zwölf, eins bis sechs finden sie HIER.Bill Wilson

Eigentlich waren die Zwölf Schritte am Anfang nur für Anonyme Alkoholiker gedacht, doch außenstehende Freunde der Gemeinschaft kamen recht bald zu der Ansicht, dass diese Gedanken auch außerhalb der AA interessant wären. Und so berichteten bald viele Nichtalkoholiker, dass sie durch die Zwölf Schritte der AA mit ihren Lebensproblemen fertig geworden seien. Daran hat sich bis heute nichts geändert, die Schritte sind für viele Menschen ein Weg, zu einem zufriedenen und erfolgreichen Leben zu finden.
Logo der Anonymen AlkoholikerDoch die AA haben nicht nur Freunde, es gibt auch so manche Skeptiker, die diese Gemeinschaft eher einer Sekte als einer Selbsthilfegruppe zuordnen (siehe auch „Komm‘ wieder, es wirkt!“). Ist doch sehr viel von Gott oder einer Höheren Macht die Rede. In einem Forum über die AA schrieb ein User: „Ich empfinde die Distanzierung in der Präambel, dass die Gemeinschaft mit keiner Sekte, Konfession, Partei, Organisation oder Institution verbunden ist, als Hohn. Befindet sich doch das Hauptquartier der AA (in New York, Anm.) in einem Gebäude, das den Namen ,Interchurch' trägt.“ Und ein anderer Teilnehmer schreibt, dass Religion nicht dazu da sei, Krankheiten zu heilen. Doch die AA zwingt niemandem einen Glauben auf. Es kann vorkommen, dass in einem Meeting Christen, Moslems, Buddhisten und Atheisten zusammenkommen, die vor allem eines verbindet – nicht mehr trinken zu müssen.

7. Schritt: „Demütig baten wir ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.“

Erläuterungen:

„Alle zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker sind auf das Wachsen in der Demut ausgerichtet, denn ohne Demut kann kein Alkoholiker nüchtern bleiben. Die meisten AA wissen, dass die Aussichten auf zufriedene Nüchternheit gering sind, wenn sie diese positive Eigenschaft nicht weiter entwickeln, als es für die Trockenheit nötig ist. Ohne Demut können die Anonymen Alkoholiker nicht sinnvoll leben, und bei Schwierigkeiten können sie nicht den Glauben aufbringen, der sich in jeder Gefahr bewährt.“ (…) „Demut als Begriff und als Ideal ist in unserer Zeit nicht gefragt. Nicht nur die Bedeutung wird missverstanden, auch gegen das Wort Demut besteht eine starke Abneigung. Viele Menschen wissen nicht recht, was Demut im Leben bedeutet. Vieles von dem, was wir täglich hören und lesen, verherrlicht des Menschen Stolz über seine eigenen Errungenschaften.“ (…) „Solange wir überzeugt waren, wir könnten ausschließlich aus eigener Kraft und Intelligenz leben, so lange war uns ein wirksamer Glaube an eine Höhere Macht versperrt. Das traf auch dann noch zu, wenn wir an die Existenz Gottes glaubten. Selbst wenn wir tatsächlich eine religiöse Überzeugung hatten, blieb sie unfruchtbar, weil wir immer noch selbst Gott spielen wollten.“ (…) „Mit dem Siebten Schritt ändern wir unsere Einstellung. Mit Hilfe der Demut treten wir aus der Enge unseres Ichs hin zu den anderen und hin zu Gott. Die Betonung des Siebten Schrittes liegt auf Demut. Es wird uns klar gesagt, dass wir bei der Überwindung unserer anderen Fehler mit derselben inneren Bereitschaft die Demut erproben, mit der wir damals zugaben, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos waren und zu dem Glauben gelangten, dass nur eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. Wenn wir durch dieses Maß der Demut die Gnade fanden, unsere tödliche Sucht zum Stillstand zu bringen, dann muss es auch Hoffnung geben, durch die Demut alle anderen möglichen Schwierigkeiten zu überwinden.“

8. Schritt: „Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten, und wurden willig, ihn bei allen wieder gut zu machen.“

Erläuterungen:

„Beim Achten und beim Neunten Schritt geht es um mitmenschliche Beziehungen. Zuerst schauen wir zurück und versuchen festzustellen, wo wir Fehler gemacht haben. Als nächstes bemühen wir uns, den angerichteten Schaden wieder gut zu machen. Und drittens überlegen wir, nachdem wir den Scherbenhaufen der Vergangenheit beseitigt haben, wie wir mit der neugewonnenen Erkenntnis über uns selbst am besten mit unseren Mitmenschen zurechtkommen können.“ (…) „Wenn wir die Namen der Menschen aufschreiben, die wir gekränkt haben, baut sich ein anderes großes Hindernis vor uns auf. Wir bekamen einen ziemlichen Schock bei dem Gedanken, vor Menschen, die wir gekränkt hatten, unser Fehlverhalten eingestehen zu müssen.“ (…) „Obwohl in manchen Fällen Wiedergutmachung unmöglich ist und in anderen Fällen aufgeschoben werden muss, sollten wir trotzdem einen genauen und wirklich erschöpfenden Rückblick über unsere Vergangenheit gewinnen, soweit wir anderen Menschen Schaden zugefügt haben. Dabei werden wir manchmal feststellen, dass der Schaden, den wir anderen zugefügt haben, nicht so groß war wie der seelische Schaden, den wir uns selbst antaten.“ (…) „Nachdem wir sorgfältig unsere mitmenschlichen Beziehungen erforscht und genau die Charaktereigenschaften bei uns festgestellt haben, durch die wir andere kränkten und schädigten, können wir jetzt in unserem Gedächtnis nach Menschen stöbern, die wir verletzt haben. Es dürfte nicht schwer sein, den Finger auf ganz frische und ganz tiefe Wunden zu legen. Dann können wir Jahr um Jahr, soweit die Erinnerung reicht, in unserem Leben zurückgehen und werden ganz sicher eine lange Liste derer zusammenbekommen, die wir mehr oder weniger geschädigt haben.“ (…) „Der Achte Schritt ist der Anfang vom Ende unserer Isolation von unseren Mitmenschen und von Gott.“

9. Schritt: „Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut, wo immer es möglich war, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.“

Erläuterungen:

„Nachdem wir eine Liste der Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten, aufgestellt und jedes Vorkommnis sorgfältig abgewogen haben, versuchen wir, zu der richtigen Einstellung für unsere weiteres Vorgehen zu kommen. Dann werden wir sehen, dass wir bei der Wiedergutmachung Unterschiede machen müssen. Da sind zunächst diejenigen, an die wir uns sofort wenden sollten, sobald wir einigermaßen sicher sind, dass wir unsere Nüchternheit behalten. Dann gibt es diejenigen, bei denen wir nur einiges wiedergutmachen können, weil eine vollkommene Offenheit ihnen oder anderen mehr schaden als gut tun würde. In anderen Fällen sollten wir den Schritt auf später verschieben. Bei anderen wieder werden wir durch die besondere Art der Umstände niemals zu einer persönlichen Kontaktaufnahme kommen.“ (…) „Es ist vielleicht angebracht, in den ersten Wochen oder Monaten gar nichts zu sagen. Wir möchten zuerst einigermaßen sicher sein, dass wir bei AA auf dem richtigen Weg sind. Wenn wir so weit sind, können wir auf diese Menschen zugehen, ihnen von der Gemeinschaft der AA und von unseren Absichten erzählen.“ (…) „Die großzügige Reaktion der meisten Menschen über unsere ruhige Aufrichtigkeit wird uns oft erstaunen. Selbst unsere schärfsten Kritiker, die im Recht waren, werden uns häufig mehr als auf halbem Weg entgegenkommen.“ (…) „Wir müssen nicht unbedingt den reumütigen Sünder bei denen hervorkehren, die wir geschädigt haben. Doch unsere Wiedergutmachung sollte aufrichtig und großherzig sein.“ (…) „Bei dem Wunsch, den von uns angerichteten Schaden in aller Ehrlichkeit offen zuzugeben, ist eine Überlegung wichtig. Es kann gelegentlich vorkommen, dass wir durch unsere vollständige Enthüllung gerade dem Menschen ernsthaft wehtun, bei dem wir wiedergutmachen sollen. Durch unangebrachte Offenheit können wir selbst Dritten Schaden zufügen. Wir dürfen zum Beispiel nicht eine ausführliche Schilderung unserer außerehelichen Abenteuer auf die Schultern unseres ahnungslosen Ehepartners laden. Selbst wenn wir über diese Dinge sprechen müssen, wollen wir doch vermeiden, Dritte zu verletzen, ganz gleich, um wen es sich dabei handelt. Unsere eigene Last wird nicht dadurch leichter, dass wir rücksichtslos bei anderen abladen.“ (…) „Die Bereitschaft, zu unserer Vergangenheit zu stehen, die Konsequenzen zu ziehen und dabei das Wohl der anderen nicht aus den Augen zu verlieren: das ist der wahre Grund des Neunten Schrittes.“

10. Schritt: „Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.“

Erläuterungen:

„In den ersten neun Schritten bereiten wir uns auf das Abenteuer eines neuen Lebens vor. Der Zehnte Schritt ist der Anfang, unseren Lebensweg mit den Anonymen Alkoholikern in die Praxis umzusetzen, und zwar Tag für Tag, ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Dann kommt der Bewährungstest: Können wir nüchtern bleiben? Können wir unser inneres Gleichgewicht behalten? Bleiben wir in allen Situationen unserem gesteckten Ziel treu?“ (…) „Wenn ein Trinker einen scheußlichen Kater hat, weil er gestern schwer getrunken hat, fühlt er sich heute elend. Es gibt noch eine andere Art Kater, den wir alle kennen, ob wir trinken oder nicht. Das ist der seelische Kater, eine direkte Folge unserer negativen Gefühlsausbrüche von gestern, manchmal auch von heute. Dazu zählen wir Wut, Furcht, Eifersucht. Wenn wir heute und morgen ausgeglichen sein wollen, müssen wir solche Katerstimmungen überwinden.“ (…) „Keiner leidet mehr unter Stimmungen als gerade wir Alkoholiker. Dabei spielt es keine Rolle, ob unsere Gereiztheit berechtigt ist oder nicht. Ein Wutausbruch kann uns den ganzen Tag verderben. Ein Groll, den wir noch schüren, lähmt unsere Aktivitäten. Wir haben nie gelernt, zwischen berechtigtem und unberechtigtem Zorn zu unterscheiden. Nach unserer Ansicht waren wir immer im Recht. Ein Wutausbruch, den sich ausgeglichene Menschen als gelegentlichen Luxus leisten können, würde bei uns einen seelischen Knacks bewirken. Dieser Trockenrausch kann sehr schnell wieder zur Flasche führen. Das gleiche kann bei anderen seelischen Störungen wie Eifersucht, Neid, Selbsthilfe und verletztem Stolz passieren.“ (…) „Das Wichtigste für die Persönlichkeitsbildung und für ein sinnvolles Leben ist, täglich Fehler zu entdecken, zuzugeben und zu verbessern. Aufrichtiges Bedauern über den Schaden, den wir angerichtet haben, und die Bereitschaft, es morgen besser zu machen - das sind die dauerhaften Werte, die wir anstreben.“

11. Schritt: „Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott – wie wir ihn verstanden, zu vertiefen. Wir baten ihn nur, uns seinen Willen erkennbar werden zu lassen und uns die Kraft zu geben, ihn auszuführen.“

Erläuterungen:

„Wir Anonymen Alkoholiker sind aktive Leute. Wir erfreuen uns, vielleicht zum ersten Mal in unserem Leben, an alltäglichen Dingen, und darum bemühen wir uns auch, dem Hilfe suchenden Alkoholiker mit unserer ganzen Kraft beizustehen. Kein Wunder, dass wir oft dazu neigen, ernste Besinnung und Gebete zu vernachlässigen.“ (…) „Wer sich an regelmäßiges Beten gewöhnt hat, kann darauf ebenso wenig wie auf Luft, Nahrung und Sonne verzichten, und zwar aus dem gleichen Grund. Unser Körper leidet, wenn wir ihm Licht, Luft und Nahrung vorenthalten. Und ebenso entziehen wir unserer Seele, unserem Gefühl und unserem Geist lebensnotwendige Kraft, wenn wir uns von Gebet und Besinnung abwenden.“ (…) „Wir wollen uns so entspannen, als ob wir am Strand in der Sonne lägen; wir wollen die spirituelle Atmosphäre, die aus diesem Gebet strömt, tief in uns aufnehmen. Bereitwillig wollen wir an der spirituellen Kraft, Schönheit und Liebe dieser herrlichen Worte teilhaben und uns daran stärken und aufrichten.“ (…) „Vielleicht ist der größte Gewinn, den wir aus Gebet und Meditation ziehen, das Gefühl des Dazugehörens. Wir leben nun nicht mehr in einer völlig feindseligen Welt. Wir sind nicht mehr verloren, verängstigt, ziellos. Von dem Augenblick an, wo wir Gottes Absicht verspüren, wo wir Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe als die wirklichen und ewigen Dinge im Dasein erkannt haben, sind wir nicht mehr so tief erschüttert über das scheinbare Gegenteil, von dem wir im normalen Leben umgeben sind.“

12. Schritt: „Nachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.“

Erläuterungen:

„Der Zwölfte Schritt spricht auch davon, dass wir durch die Anwendung aller vorhergehenden Schritte etwas gefunden haben, das wir als spirituelles Erwachen bezeichnen.“ (…) „Der wundervolle Kraftquell dieses Schrittes und die tatkräftige Weitergabe der Botschaft an noch leidende Alkoholiker, die Stärke, mit der schließlich alle zwölf Schritte in all unseren Lebenslagen angewandt werden, sind der wahre Lohn und die großartige Wirklichkeit des AA-Programms.“ (…) „Der Zwölfte Schritt spricht auch davon, dass wir durch die Anwendung aller vorhergehenden Schritte etwas gefunden haben, das wir als spirituelles Erwachen bezeichnen.“ (…) „Der Zwölfte Schritt der Anonymen Alkoholiker spricht von der Freude an einem rechtschaffenen Leben.“