Langzeittherapie für Alkoholiker
„Jeder findet eine Nische!“

von Harald Frohnwieser

Hochwolkersdorf liegt inmitten der „Buckligen Welt“ im südlichen Niederösterreich. Ein kleiner Ort mit einem kleinen Supermarkt, einer Tischlerei, einem Gasthaus, einer Kirche samt dazugehörigem Friedhof, eingebettet in einer herrlichen Natur. Hochwolkersdorf verspricht viel Ruhe – und hält dies auch ein.
Inmitten der Ortschaft liegt das Schloss Weisspriach mit seinem groß angelegten Garten. Doch in diesen alten Gemäuern leben keine Nachkommen eines Adelsgeschlechts längst vergangener Zeiten und es hat sich darin auch kein Unternehmen angesiedelt. Hinter diesen dicken Mauern leben 18 Männer, die allesamt eines gemeinsam haben: der Alkohol hat sie mit aller Brutalität aus dem Leben geworfen. Der Verein „ReIntegration“ bietet diesen Männern ein suchtfreies Leben mit allem, was dazugehört: Psychotherapie, medizinische Betreuung, Sozialarbeit, einen strukturierten Tagesablauf samt Arbeitstherapie in Küche, Garten, Tischlerei, Kerzengießerei oder Keramikwerkstatt sowie eine Nachbetreuung, wenn man das Schloss nach ungefähr einem Jahr trocken und gefestigt wieder verlässt.
„Alk-Info“ hat das Schloss Weisspriach besucht und mit den beiden engagierten Geschäftsführerinnen Mag. Johanna Lanka und Mag. Mariola Styrna-Youssef über die Mag. Johanna Lankaangebotenen Arbeitstherapien, über den Aufbau sozialer Strukturen ganz ohne Alkohol, über eventuelle Rückfälle sowie über den Umgang mit mitunter auftretenden Konflikten ausführlich gesprochen.

„Alk-Info“: Ein Jahr Therapie, das ist doch eine lange Zeit. Wie kann man sich den Tagesablauf bei Ihnen vorstellen?
Johanna Lanka: Wir versuchen den Patienten durch eine Tagesstruktur im geschützten Rahmen von ReIntegration auf das Leben nach dem stationären Aufenthalt vorzubereiten. Dazu gehören aktive Freizeitbetätigungen, das Pflegen sozialer Kontakte, wie auch ein geregelter Arbeitsalltag. Ein Arbeitstag beginnt bei uns um 8 Uhr und endet um 16:30. Dieser wird von therapeutischen Maßnahmen, die gemeinsam mit dem Patienten erarbeitet werden, begleitet. Die Patienten sollen erleben, wie der Alltag ohne Alkohol aussehen kann. Einige haben beispielsweise kein Konzept dafür wie Weihnachten nüchtern erlebt werden kann. Diese Erfahrungen können bei ReIntegration ermöglicht werden.
Die persönlichen Ziele, die während des stationären Aufenthaltes erreicht werden wollen, setzt sich der Patient selbst. Grundsätzlich geht Therapiezentrum Schloss Weisspriach des Vereins ReIntegration für alkoholkranke Männeres um eine beträchtliche Veränderung des eigenen Lebens. Die Patienten lernen Selbstverantwortung zu übernehmen, ein gesundheitsförderliches Verhalten zu leben und ihren Alltag aktiv befriedigend (ohne Alkohol) zu gestalten. 

Sie bieten einen strukturierten Tagesablauf an, darf man im ersten Monat schon arbeiten?
Johanna Lanka: Selbstverständlich. Um sich rasch in die bestehende Gemeinschaft zu integrieren ist es vorgesehen, dass jeder Patient vom ersten Tag an das gesamte Angebot von ReIntegration in Anspruch nimmt.

Welche Arbeitsmöglichkeiten bieten Sie an?
Johanna Lanka: Die Arbeitstherapie bei ReIntegration findet unter Anleitung von Facharbeitskräften in der Tischlerei, in der Küche, im Garten, in der Kreativwerkstatt, im Baubereich oder Forst statt. Unser Haus ist sehr alt, es gibt immer etwas zu renovieren. Die meisten Möbel, die wir hier haben, wurden von unseren Patienten im Rahmen der Arbeitstherapie gebaut.
Mag. Mariola Styrna-YoussefEs wird versucht, einen möglichst „normalen“, realitätsbezogenen Arbeitsalltag zu leben. Das Ziel dieser Maßnahme ist die Vorbereitung auf die angestrebte berufliche Wiedereingliederung ab dem 8. Monat. In diesem Bereich geht es oft um das Erkennen der individuellen Neigung und Eignung für eine bestimmte berufliche Tätigkeit, das Akzeptieren von vorgegebenen Arbeitsstrukturen, einen Sinn in der Arbeit zu erkennen, sowie die für ein konstantes Arbeitsleben notwendige Ausdauer und Frustrationstoleranz zu erlangen.

Was ist, wenn jemand nicht handwerklich begabt ist?
Mariola Styrna-Youssef: Dann gibt es andere Tätigkeiten wie Gemüse schneiden, Nüsse knacken oder sich in der Keramikwerkstatt künstlerisch betätigen. Wir finden schon etwas, was der Patient gut kann. Jeder findet bei uns eine Nische!
Johanna Lanka: Viele wussten gar nicht, wie gut sie kochen können, bevor sie zu uns kamen.
Mariola Styrna-Youssef: Der Alkohol hat über Jahre viele Talente zugeschüttet. Und dann sehen die Patienten bei uns, dass sie das, was sie einmal konnten, wieder machen können. Die eigenen Fähigkeiten werden neu entdeckt.

KücheWie alt sind Ihre Patienten?
Mariola Styrna-Youssef: Ab 20 aufwärts. Der älteste Patient, den wir hatten, war 75 Jahre alt. Nach dem Tod seiner Frau hat er massiv zu trinken begonnen. Der Mann war sehr dankbar, dass er hier eine Gruppe gefunden hat, die ihn freundlich aufnahm. Er hat sich auch bestens integriert.
Ob die Therapie erfolgreich verläuft hängt nicht vom Alte ab. Der Jüngste, den wir hatten, war 18 und hatte schon mehrere Therapien hinter sich.

Kann man auch früher gehen, wenn man zum Beispiel ein Jobangebot hat?
Mariola Styrna-Youssef:
Wenn jemand einen Job und eine Wohnung hat, dann kann er natürlich auch früher gehen. Die Abgangsphase beginnt ab 8 Monat. Apropos Wohnung: Wenn jemand eine Wohnung hat, die renoviert werden muss, dann helfen ihm die anderen Patienten dabei. Und: Sowohl bei der Job- als auch bei der Wohnungssuche sind unsere Mitarbeiter behilflich. 

Ein von Patienten gebauter GrillSie haben nur Männer hier. Ist auch daran gedacht, einmal Frauen aufzunehmen?
Mariola Styrna-Youssef: Diese Überlegung gab es schon vor dem Jahr 1997, als wir hier mit der Langzeittherapie begonnen haben. Es gibt ja jetzt in Österreich das Projekt „Alkohol 2020“, und da will man mehr auf eine ambulante Therapie setzen. Daher wäre es jetzt kein guter Zeitpunkt, die Kostenübernahmen für stationäre Therapieplätze für Frauen zu bekommen.
Johanna Lanka: Wir kämpfen ja jetzt schon für mehr Plätze für die Wiener Patienten.

Von wo kommen Ihre Patienten?
Mariola Styrna-Youssef: Die meisten kommen aus Niederösterreich, drei aus Wien und zwei aus Oberösterreich. Aber wir hatten auch schon Patienten aus anderen Bundesländern wie Tirol oder Vorarlberg. 

Trainingsraum mit SportgerätenIst es für Ihre Patienten anfangs schwer, soziale Strukturen ohne Alkohol aufzubauen?
Johanna Lanka:
Durch die fremdbestimmte Strukturierung des Abhängigen ist es für einige leichter, sich durch Arbeit abzulenken, als die Freizeit bewusst freudvoll zu gestalten oder soziale Kontakte zu pflegen. Oft merken Patienten, sobald sie in eine Konfliktsituation kommen, dass die Bewältigungsmöglichkeiten fehlen. Das Leben in einer betreuten Gemeinschaft, sowie es in einer stationäre Langzeittherapie ermöglicht wird, bietet den idealen Rahmen, um diese Kompetenzen zu erwerben. Es gibt die Möglichkeit durch das Team von ReIntegration in Konflikten begleitet zu werden, aber auch durch die Beobachtung der Konfliktverläufe anderer und der Lösungsstrategien innerhalb der Gemeinschaft, kann jeder einzelne seinen Handlungsspielraum erweitern.

Schuppen im Garten mit einem Hühnerstall (rechts)Wie reagieren die Männer bei einem Konflikt?
Johanna Lanka: Unterschiedlich. Schweigen, Schlucken und Verdrängen kommen bei schwellenden Konflikten ebenso vor wie mangelnde Selbstkontrolle. Wie auf Konflikte reagiert wird, hängt auch immer davon ab, welche Bewältigungsmöglichkeiten gesehen werden. Wer sich in Konflikten kompetent erlebt, wird diesen nicht aus dem Weg gehen.

Das Schloss Weisspriach befindet sich ja mitten im Dorf. Wie gut sind die Männer, die bei Ihnen leben, ins Dorfleben integriert?
Mariola Styrna-Youssef: Sehr gut. Unsere Patienten machen oft beim Fußballverein mit oder beteiligen sich an gewissen Aktionen wie etwa an der Putzaktion „saubere Gemeinde“. Wobei die Dorfbewohner auf unsere Männer auch ein wenig aufpassen. Wenn zum Beispiel ein Patient von uns im Supermarkt einen Alkohol kaufen will, dann werden wir darüber informiert. Die Nachbarn erkundigen sich auch oft, wie es dem einen oder anderen Patienten geht, den sie kennen.

TischlerwerkstattSie haben den Rückfall angesprochen. Was passiert bei einem solchen?
Mariola Styrna-Youssef: Wenn jemand im Haus Alkohol trinkt, dann muss er sofort gehen.
Johanna Lanka: Das geschieht auch zum Schutz der anderen Patienten.
Mariola Styrna-Youssef: Wenn der Rückfall außerhalb des Hauses passiert, dann darf er bleiben. Manchmal gibt es als Konsequenz eine Ausgangssperre. Wir schauen, was für ihn das Beste ist. Aber beim dritten Rückfall muss er gehen. Doch das kommt ganz selten vor. Die meisten unserer Patienten bleiben trocken.

Wie sieht die Nachbetreuung aus?
Johanna Lanka: Diese findet hier bei uns in Hochwolkersdorf oder in Wien statt. Ehemalige Patienten können sich regelmäßig oder in Krisensituationen an uns wenden. Wenn es zum Beispiel einen Jobverlust gibt, bieten wir Unterstützung bei der Jobsuche an und es besteht die Möglichkeit in unser Tagesprogramm übernommen zu werden.
KeramikwerkstatMaria Styrna-Youssef: Die Häufigkeit der Nachbetreuung richtet sich nach dem Wunsch des Patienten: einmal pro Woche bis einmal im Monat, entweder hier bei uns oder in Wien. Jeder ehemalige Patient kann sich natürlich jederzeit an uns wenden, wenn es eine Krisensituation wie zum Beispiel einen Jobverlust gibt.

Derzeit ist oft vom Kontrollierten Trinken die Rede. Was halten Sie davon?
Johanna Lanka: Für unser Klientel ist „Kontrolliertes Trinken“ aufgrund der Schwere der Erkrankung nicht geeignet. Es geht bei ihnen schon lange nicht mehr „nur“ um die Kontrolle über den Alkoholkonsum, sondern um die Kontrolle über ihr Leben. Diese komplexe Problematik löst sich nicht, indem man beispielsweise drei Achterl, statt 3 Flaschen Wein pro Tag trinkt. Es bedarf eine gesamtheitliche Lebensveränderung, die eine Entwicklung Richtung reifer, unabhängiger Persönlichkeit mit sich bringt. Dies ist kein einfacher Weg. Eine stationäre Langzeittherapie verlangt vor allem Mut, sich selbst und seine Umgebung „nüchtern“ zu betrachten.
Garten mit GewächshausMariola Styrna-Youssef: Es ist schon vorgekommen, dass jemand, der in der Nachbetreuung ist, erzählt, dass er jetzt kontrolliert trinken will. Das war für mich dann eine Überlegung, ob ich die Nachbetreuung mit ihm weitermachen soll. Ich habe mich für die weitere Nachbetreuung entschlossen, um ihm helfen zu können, wenn das Trinken nicht mehr „kontrolliert“ werden kann. Das hat sich dann auch bewährt, denn funktioniert hat das kontrollierte Trinken nie.

Anmerkung: Da die Kosten für die Nachbetreuung nur vom Bundesland Niederösterreich übernommen werden aber nicht von Wien, die Wiener Patienten aber trotzdem eine Nachbetreuung erhalten, bittet der Verein „ReIntegration“ um Spenden:

Raiffeisenbank NÖ-Wien | IBAN: AT223294000005010566 | BIC: RLNWATW9040

Verein ReIntegration – Therapiezentrum Schloss WeisspriachLogo: Verein ReIntegration
2802 Hochwolkersdorf, Dorfstrasse 8
Tel.: +43 (0)2645/8205
e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Web-Adresse: www.reintegration.org

Fotos: Thomas Frohnwieser (9)