Die Guttempler und ihr Kampf gegen den Alkohol
Mehr als „nur“ eine Selbsthilfegruppe…

von Harald Frohnwieser

Sie sind in über 60 Staaten der Erde aktiv. Sie bieten Hilfe zur Selbsthilfe, aber sie treten auch für eine vernünftige Alkoholpolitik ein, die auf ein nüchternes, zufriedenes Leben ausgerichtet ist. Sie betreiben Entwicklungshilfe in Ländern der Dritten Welt. Und sie stellen Kinder in eigenen Gruppen in den Mittelpunkt, damit die Kleinen Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen lernen und zu starken Persönlichkeiten heranwachsen. Die Guttempler (IOGT International) sind eine Vereinigung, die in etwa 500 Selbsthilfegruppen, die es in Deutschland gibt, alkoholabhängigen Männern und Frauen sowie deren Angehörigen dabei helfen, mit der Suchterkrankung klar zu kommen und wieder zu einem selbstbestimmten Leben frei von Alkohol finden. Behilflich dabei ist auch die Fachklinik der Guttempler „Neue Rhön“ in Hessen. Im „Alk-Info“-Gespräch erzählt der Pressesprecher der Guttempler in Deutschland, Frank Lindemann,  u. a. über die Entstehungsgeschichte, über die Grundsätze der Vereinigung, über ihre Alkoholpolitik und warum ihnen das Wohlergehen der Kinder sehr wichtig ist.

Guttempler Logo„Unsere Angebote unterscheiden sich nicht sehr von den anderen Selbsthilfegruppen, die es gibt“, stellt Pressesprecher Frank Lindemann gleich zu Beginn fest, „90 Minuten lang erzählen die Teilnehmer, wie es ihnen so geht, was sie erlebt haben und welche Motivation sie haben, mit dem Trinken aufzuhören oder abstinent zu bleiben.“ Wobei die Themen sich meist aus den Erzählungen der Teilnehmer ergeben, so Lindemann, aber auch mehrere Themen sind möglich. „Eines ist wichtig, einen Zwang zu reden gibt es bei uns nicht, es kann jeder selbst entscheiden, ob er sich zu Wort meldet oder nicht.“
Geleitet werden die Gruppen von Ehrenamtlichen, die selbst trockene Alkoholiker sind und für diese Tätigkeit von den Guttemplern ausgebildet wurden. „Im Schnitt befinden sich in einer Gruppe an die zehn Menschen. Wächst eine Gruppe auf über 20 Teilnehmer heran, dann wird geteilt“, so Lindemann, der erzählt, dass zwar eine ordentliche Mitgliedschaft möglich ist, aber niemand gezwungen wird, beizutreten. Etwas ist doch anders als in so manchen anderen Selbsthilfegruppen: „Bei uns sitzen Betroffene und Angehörige in einer Gruppe. So können beide voneinander lernen“, erklärt Pressesprecher Lindemann.
Tempelritter wurden verklärt
Gegründet wurden die Guttempler im Jahr 1851 in Utica im US-Bundesstaat New York als Abstinenzorganisation „Order of Good Templars“. „Die Amerikaner haben die Tempelritter Pressesprecher Frank Lindemannverklärt“, erzählt Frank Lindemann, warum man auf diesen Namen kam. Hat man sich zwar, was den Namen betrifft, an der Vergangenheit orientiert, so waren die Gründungsväter dennoch ihrer Zeit weit voraus. „Schon damals traten sie für die Gleichberechtigung der Rassen und der Geschlechter ein“, sagt der Pressesprecher nicht ohne Stolz. Von den Vereinigten Staaten aus verbreiteten sich die Guttempler wenig später über England und Skandinavien bis nach Deutschland aus, im Jahr 1873 entstanden in Hamburg die ersten Guttempler-Treffen.
Bekenntnis zur Demokratie
Was sind nun die Grundsätze der Guttempler? Auf ihrer Homepage wird dies klar umrissen: „Die Guttempler sind davon überzeugt, dass jeder Mensch einzigartig ist und einen unendlichen Wert besitzt. Jeder Mensch hat ein Recht auf persönliche Freiheit und verpflichtet sich dazu, seinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität aller zu leisten.“ Und weiter: „Die Guttempler bemühen sich, die Demokratie auf allen Gesellschaftsebenen zu fördern. Dazu ist es erforderlich, dass alle Menschen de Möglichkeit haben müssen, sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen und ihre Meinung frei zu äußern.“
Alkohol als ernste Bedrohung
Soviel zu den wichtigsten Grundätzen, die mit Alkohol nicht unbedingt etwas zu tun haben. Doch ein paar Zeilen weiter wird es konkret: „Die Guttempler sind davon überzeugt, dass Alkohol und andere Drogen eine ernste Bedrohung für die Würde und Freiheit vieler Menschen bedeuten. Zur Lösung der Alkohol- und anderer Drogenprobleme tragen Guttempler unter anderem durch ihre bewusste Konsumentscheidung bei, frei von diesen Substanzen zu leben.“ Deshalb, so steht es weiter, haben die Guttempler weltweit Programme zur Suchtvorbeugung, zum politische Umgang mit Alkohol- und anderen Drogenproblemen sowie zur Hilfe für Abhängige und deren Angehörige entwickelt.
Kein Alkohol für Jugendliche
Eine vernünftige Alkoholpolitik ist für die Verantwortlichen ohnehin ein großes Thema. Frank Lindemann: „Wir treten für ein Werbeverbot für Alkohol ein und fordern, dass in der unmittelbaren Umgebung von Schulen und Jugendzentren kein Alkohol verkauft werden darf. Und außerdem treten wir für die 0,0 Promille im Straßenverkehr ein.“ Auch soll, geht es nach den Guttemplern, als Mindestalter für einen Alkoholkonsum eine bundesweite Grenze von 18 Jahren eingeführt werden, Warnhinweise, die über die Gefahren von Alkoholmissbrauch aufklären, müssten auf den Etiketten angebracht werden und es sollte einen Mindestpreis für alkoholische Getränke geben. Nachsatz; „Ein nüchternes Leben soll einfach normal sein und nicht als Ausnahme gelten.“
Doch hier sieht Lindemann Licht am Horizont. „An den Vormittagen wird prinzipiell nicht mehr so viel getrunken wie früher einmal und auch am Bau ist es nicht mehr so, dass das Bier jederzeit griffbereit ist. Auch gilt es heute als unhöflich, wenn bei Veranstaltungen kein alkoholfreies Getränk angeboten wird. Und auch die Jugendlichen trinken derzeit nicht mehr so viel wie noch vor ein paar Jahren“, freut er sich über einen gesellschaftlichen Umschwung.
Kinder im Mittelpunkt
Ganz wichtig ist den Guttemplern das Wohlergehen der Kinder. „Schon im Jahr 1892 wurde die erste Kindergruppe gegründet, denn man hat schon damals erkannt, dass die Kinder es voll mitbekommen und sehr darunter leiden, wenn der Vater oder die Mutter süchtig ist. Deshalb bieten wir Kindern aus einem suchtbelasteten Elternhaus an, einen Teil ihrer Freizeit mit uns zu verbringen, damit sie nicht nur über ihre Sorgen und Probleme reden können, sondern diese auch für eine gewisse Zeit lang vergessen können und zu verantwortungsbewussten Menschen heranwachsen. Hier wird die Hilfsbereitschaft, aber auch die Kontaktfreudigkeit gefördert.“ Positive Erlebnisse in der Gruppe sollen dabei helfen, Geborgenheit und Sicherheit zu verschaffen.
Entwicklungshilfe in Afrika und Asien
Aber nicht nur die Jüngsten sind dem „IOGT International“ ein großes Anliegen, sie betreiben auch seit 1987 eine sinnvolle Entwicklungshilfe in Ländern der Dritten Welt. Gefördert werden in Afrika und in Asien Projekte, die ihr Augenmerk auch auf die Suchtvorbeugung und Suchtbehandlung richten. Doch auch die Verbesserung der Lebensbedingungen in diesen Ländern ist ein wichtiges Ziel. „Wir sind der einzige Suchthilfeverband, der auf diesem Gebiet tätig ist“, sagt Frank Lindemann.
Die Guttempler sind mehr als „nur“ eine Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke. Sie kämpfen für mehr Gerechtigkeit in der Welt, für mehr Bildung und für das Wohl der Familien. Und wenn der Pressesprecher zu Beginn des Interviews in aller Bescheidenheit meinte, dass sich die Guttempler nicht von anderen Selbsthilfegruppen unterscheiden, so sind sie dennoch mehr als eine solche. Auch wenn die Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs stets die oberste Priorität ist und auch bleiben wird.

Guttempler Deutschland
20097 Hamburg, Adenauerallee 45
Tel.: +49 (0)40/245 880
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Web-Adresse: www.guttempler.de

IOGT Schweiz
8050 Zürich, Schaffhauserstraße 432
Tel.: +41 (0)44/300 30 45
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Web-Adresse: www.iogt.ch

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