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Selbsthilfegruppe oder Facebook?
Gefährlicher Selbstbetrug und kein Ersatz!

von Burkhard Thom

Wenn in den Medien die Alkoholabhängigkeit thematisiert wird, dann geht es nicht nur um die große Zahl an Menschen, die an einer Sucht erkrankt sind, sondern mehr und mehr rücken auch die Menschen aus dem Umfeld in den Fokus der Betrachtungen, die sogenannten Co-Abhängigen. Es spielt keine Rolle von welcher Suchterkrankung gesprochen wird, beide Gruppen, die der Süchtigen und die der Co-Abhängigen, benötigen Hilfe und Unterstützung. Durch die Veröffentlichungen, aber auch aus eigenem Antrieb, denken Menschen über ihr Suchtverhalten nach und suchen nach Unterstützung, Beratung und/oder Hilfe.

Autor Burkhard ThomSelbstverständlich bieten die Kommunen (Gemeinden), die kirchlichen Gemeinden und viele Selbsthilfegruppen die notwendige Unterstützung an, aber sehr oft gehen die Betroffenen den (vermeintlich) leichteren aber oft schweren Weg und suchen Unterstützung im Internet. Insbesondere die sozialen Netzwerke wir Facebook und Twitter werden häufig besucht, die Betroffenen suchen hier den schnellen Weg zur Hilfe.
Wie aber stellt sich diese Unterstützung dar? Kann ein Post in einem Forum auf Facebook und die Kontaktaufnahme in einer anonymen Umgebung hilfreich sein?
Gruppen sollten durchleuchtet werden
Sicherlich kann der Austausch von Betroffenen MIT Betroffenen eine Unterstützung sein, keinesfalls aber kann er ein Ersatz für eine reale Selbsthilfegruppe, den Besuch bei einem Therapeuten oder anderen Fachleuten sein. Allerdings sollte man die Online-Gruppe, der man sich anschließt, genau durchleuchten und kritisch hinterfragen, was verspreche ich mir von dem Kontakt. In welcher Form werden meine Interessen durch die Administratoren geschützt und kann ich mich darauf verlassen das ich „eine Betreuung“ erhalte.
Das in den sozialen Netzwerken wohl kaum eine persönliche Betreuung vorhanden ist, leuchtet, schon allein durch die oft hohen Mitgliederzahlen, jedem ein. Weiterhin ist auch die Qualifikation der Administratoren in einigen Fällen nicht ausreichend, um ein Forum mit einer derartigen Brisanz zu betreiben. Wohlgemerkt, man sollte FB & Co keinesfalls verteufeln, nur sensibilisiert sein, das eine gewaltige Gefahr von den Foren ausgeht.

Um es an zwei Beispiel aus Foren für Alkoholkranke und Angehörige deutlich zu machen:

Ein soeben aus der Langzeittherapie entlassener Suchtpatient suchte sich Unterstützung in einem Forum, beschrieb seine Situation und bat um Informationen zu seinen nächsten Schritten. Bereits nach dem zweiten Kommentar folgten sinnfreie Äußerungen mit dem Wortlaut: „Wenn Du einen Rückfall hast, nicht schlimm, hatte auch schon welche“.

Eine Co-Abhängige suchte nach Unterstützung um aus ihrer Beziehung zu fliehen, die mit häuslicher Gewalt gegen die Frau und ihre Kinder gerichtet war. Ebenfalls nach dem zweiten Beitrag folgte ein Kommentar: „Bist wahrscheinlich selbst Schuld, hast Deinen Mann an die Flasche gebracht“.

Abfällige Kommentare
In beiden Fällen verselbstständigten sich die Beiträge und aus den „Hilfeschreien“ wurden sinnfreie und äußerst gefährliche Beiträge. Die Administratoren griffen nicht ein, die Betroffenen blieben mit ihren Problemen allein. Das was als guter Post begann entwickelte sich in kurzer Zeit zu einer Ansammlung von (teilweise) sinnfreien und wenig schönen Kommentaren. Und hier liegt das Gefährliche. Gut gemeinte und gedachte Posts der User werden bereits nach der ersten/zweiten Antwort nicht mehr gelesen und der Rest der stürzt sich NUR NOCH auf die dummen Kommentare.
Wohlgemerkt, es gibt in den sozialen Netzwerken eine ganze Reihe von sinnvollen Gruppen, ABER sie allein können NIE den Ersatz für den Besuch beim Facharzt, Therapeuten, einer Selbsthilfegruppe und eine Langzeittherapie bilden.
Gespräche von „Aug zu Aug“ sind wichtig
Der Suchtkranke und auch der Co-Abhängige kann und darf sich nicht darauf verlassen, dass allein die Kontaktaufnahme zu einer „vermeintlichen“ Selbsthilfegruppe im Internet ausreicht um sich von der Sucht entscheidend zu lösen. Hier sind reale Gruppen, Fachleute und der Austausch mit ebenfalls Betroffenen angeraten. In jedem Fall sind die Gespräche „von Aug zu Aug“ sinniger. Natürlich kann, beispielsweise für einen nassen (trinkenden) Alkoholiker, der Kontakt nur in einer Alibifunktion für seinen Partner „sieh doch ich tue was“ gesehen werden. Bei der Auswahl „der richtigen Selbsthilfegruppe“ sollte man sich Zeit lassen. Der Betroffene muss sich „wohlfühlen“, in keinem Fall nach der ersten Gruppe aufgeben.
Foren mit Unterstützung von Fachleuten
Eine andere Möglichkeit sind die Portale von Selbsthilfegruppen, die teilweise „betreute“ Foren und sehr oft auch „Live-Chats“ unterhalten und auch sonst jederzeit erreichbar sind. In den meisten Fällen arbeiten diese Foren mit erfahrenen Fachleuten und auch Psychologen Hand in Hand. In Lübeck etablierte sich zum Beispiel eine SHG „CLIC“ (Clean ist cool), die aber, wie bereits gesagt nur als ein Beispiel zu sehen ist.
Vorsicht dagegen zum Beispiel bei der Suche auf Google mit den Begriffen „Selbsthilfe und Chat“, hier findet man eine Selbsthilfe-Community mit Sitz in Oregon (USA) und die möchte in erster Linie Bares!
Schutz für Forenmitglieder ist wichtig
Wohlgemerkt, die Veröffentlichungen in den sozialen Netzwerken sollen nicht grundsätzlich „verteufelt“ werden, denn eine erste Hilfe für die Betroffenen ist besser als das sie mit IHREM Problem allein blieben. Allerdings sollten die Gruppen bemüht sein, einen Schutz für die Mitglieder zu gewährleisten, Unterstützung und Informationen bieten UND im besonderen Maße, sensibel mit den Betroffenen umgehen. Die ohnehin stark geschädigten „Seelen“ benötigen einen besonderen Schutz und Hilfe.
Informationen und Unterstützung finden Betroffene in ihren Gemeinden, Selbsthilfekontaktstellen, aber in jedem Fall bei ihrem Hausarzt.
Besser sich dort mit dem Problem outen, als im Internet bei völlig fremden Menschen, deren Identität in den meisten Fällen verschleiert ist und die oft mit den eigenen Problemen überfordert sind.

Burkhard Thom, seit Juli 2015 in Rente, vertreibt seine „Langeweile“ mit Frau, Hund und Enkeln. Die verbleibende Freizeit verbringt er vor dem PC, verfasst Artikel für seinen Blog (www.Doggybag-Bergheim.de), „bastelt“ an Buchideen oder wirbt für seinen Ratgeber „Alkohol – Die Gefahr lauert überall!
Der ehemalige Einkaufsleiter eines Versandhandelsunternehmen war 24 Jahre lang nasser Alkoholiker und ist seit mehr als zwei Jahrzehnten trocken. Dem gebürtigen Deutschen ist es ein großes Anliegen, ehemaligen Alkoholkranken vor Rückfallgefahren zu warnen und Co-Alkoholikern auf dem Weg vom Dunkel ins Licht zu helfen.

Hilfe für Betroffene: www.clic-deutschland.de / www.blaueskreuz.ch/alcorisk/ / www.aa-forum.ch / www.anonyme-alkoholiker.de/liste-der-aa-onlinemeetings/

Hilfe für Co-Abhängige: www.al-anon-online.ch / www.al-anon-online.de / www.alanon.ch/les_reunions/on-line

Foto: maria-mueller-fotokunst.de (1)