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NADA-Methode setzt sich in Europa durch
Mit fünf Nadeln im Ohr gegen den Alkoholismus

von Werner Schneider

NADA heißt National Acupuncture Detoxification Association und hat wie der Name schon vermuten lässt, seinen Ursprung in den USA. NADA heißt im spanischen aber auch NICHTS. Der Alkohol- oder Drogenkranke wird mit keinem zusätzlichen Stoff behandelt, also mit nichts. Es sind die Nadeln im Ohr, die Ohr mit fünf Akupunkturpunktengegen die Sucht ankämpfen. Mit großem Erfolg. Das „NADA-Protokoll hat seinen Weg auch nach Europa gefunden.

H.G. Marx, ein Schüler des Wiener Akupunktur-Experten Prof. Dr. Johannes Bischko, beschrieb als erster für den deutschsprachigen Raum, dass Akupunktur ein wirksames Element in der Entzugsbehandlung von chronisch Alkohol- und Suchtkranken ist. Dr. Ralph Raben, Facharzt für Gynäkologie, Psychosomatik und Suchtmedizin, beschreibt die Erfolge so: „Minderung von vegetativen Störungen, Minderung des Suchtverlangens, Verbesserung des physiologischen Schlafs, Reduzierung von Krampfanfällen, Verbesserung der Compliance (kooperatives Verhalten während der Therapie, Anm.) für die gesamte Behandlung, gestärkte Motivation für die Phase von Therapie und Rehabilitation, günstige Effekte auf die Zusammenarbeit im Behandlungsteam.“ Wie funktioniert nun diese Behandlungsmethode? Man entwickelte eine einfache und effektive Kombination von fünf Akupunkturpunkten im Ohr und entwickelte schließlich ein besonders geeignetes Behandlungssetting für die qualifizierte ambulante und stationäre Entzugsbehandlung Alkoholkranker, crack-, heroin-, methadon- oder amphetaminabhängiger Patienten.
Entzugssymptome werden gelindert
NADA wurde 1985 in New York gegründet mit dem Ziel, diese Behandlung zu etablieren, sie wissenschaftlich zu evaluieren und eine gute Weiterbildung auf diesem Gebiet zu sorgen.
Diese erfolgreiche Behandlung fand auch bald ihren Weg nach Europa. Ralph Raben: „In Großbritannien werden mehrere tausend professionelle Suchttherapeuten in der Praxis der NADA-Protokolle ausgebildet.“ Doch auch inDr. Ralph Raben Schweden, in Italien, in Ungarn seit fünf Jahren in Dänemark, in Finnland und neuerdings auch in der Schweiz wird die Methode angewandt. 1992 hat die Fachklinik für Drogenentzug „Agethorst“ (später „Bokholt“) in der Nähe von Hamburg angefangen, Drogenentzug ohne Methadon und ohne Benzodiazepine ausschließlich unter Akupunkturbehandlung durchzuführen. Mit großem Erfolg. 1993 wurde die NADA Deutschland gegründet. Hervorgehoben muss werden, dass die die typischen Wirkungen der Behandlung darin besteht, dass klassische Alkoholikersymptome wie Schmerzen, Übelkeit, innere Unruhe, Herzrasen, exzessives Schwitzen erheblich gelindert werden können. Das führt in weitere Folge zu verbesserter Entspannung, Reduktion von Ängstlichkeit, Schlafregulation und vermindertem Suchtverlangen.
Ausschließlich Ohrakupunktur
AlkoholikerInnen wissen, dass schon der Gedanken an den Entzug zu panikartiger Angst führt. Diese Angst und das geringfügige Zutrauen in die eigene Fähigkeit führen daher oft zu einem vorzeitigen Abbruch der Therapie. Um diese Angst zu bekämpfen, wird mit „Ritualen“ gearbeitet. Ralph Raben: „Die Atmosphäre im Behandlungsraum soll non-konfrontativ sein. Jeder Patient wird akzeptiert. Patienten dürfen auch ohne Nadeln im Raum sitzen um zu sehen, was ‚passiert‘. Die Behandlung sollte in den ersten beiden Wochen nahezu täglich stattfinden. Die Patienten trinken mehrmals am Tag einen Tee aus sechs Kräutern. Schwierige Patienten gewinnen Vertrauen, wenn sie merken, dass der Akupunkteur sie respektiert und handwerklich geschickt ist.“
Verwendet wird ausschließlich Ohrakupunktur. Wobei sich fünf Punkte als am effektivsten erwiesen haben. Die Verwendung dieser Punkte hat sich in vielen hunderttausend Fällen bis heute bewährt.
Die Areale werden mit feinen Stahl-Einweg-Nadeln akupunktiert, etwa zwei bis drei Millimeter tief gestochen, sodass die Ohrhaut durchstochen wird und die Nadel im Knorpel haftet. Man hilft dem Patienten, der Patientin mit einer speziellen Atemtechnik (Gegenatmen) über den Einstichschmerz hinweg.
Schwäche von Yin-Funktionen
Die Akupunktur steht in direktem Zusammenhang mit der traditionellen chinesischen Methode (TCM) (siehe auch „Unsere Therapie ist allumfassend“). Die meisten chronischen alkoholkranken zeigen Symptome von überschießendem Yang, sowohl im täglichen Leben wie in der Entzugsbehandlung. Alle AlkoholikerInnen kennen die Entzugserscheinungen: Übelkeit und Erbrechen, Muskelzittern (Tremor), extreme innere Unruhe, Schlafstörungen, zeitweise übermäßige Aggression oder aber Ängstlichkeit. Diese Symptomatik wird in der chinesischen Medizin als „leere Feuer“ oder „kalte Feuer“ bezeichnet. Raben: „So finden wir insgesamt eine Schwäche von Yin-Funktionen vor: Vor allem der ruhige innere Tonus geht den Menschen verloren. Fast alle Alkoholpatienten haben Erfahrungen massiver körperlicher oder seelischer – oft auch sexueller – Gewalt in ihrer Anamnese.“ Oft beginnt der verhängnisvolle Kreislauf schon in der Jugend. Diese Situation führt auf Dauer zu Selbstverachtung und Selbstentwertung und – gemäß der chinesischen Medizin – zu einer Schwächung der „Leber“.
Patienten fühlen schnell, dass es ihnen besser geht
Die NADA-Behandlung ist von ihrem Ansatz her eine Yin-Behandlung. Sie zielt auf eine Schaffung von Strukturen. Das Setting hat einfache Regeln, die der Patient leicht einhalten kann. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Er oder sie liegt nicht, man sitzt – das vermittelt das Gefühl der Selbstkontrolle. Schon während der Akupunkturbehandlung fühlen die Patienten, dass es ihnen besser geht, obwohl ihnen kein „Stoff“ verabreicht wird (sieht man vom Tee ab).
Bei der Akupunktur regt nicht nur die Nadel, sondern die Beziehung von einem Menschen zu anderen den Heilungsprozess an, daher auch die Gruppe. Ob ein schwieriger Patient wiederkommt oder nicht („Akupunktur hat mir nicht geholfen“ oder „Akupunktur hat mir weh getan“) hängt sehr stark von Faktoren der verbalen oder non-verbalen Interaktion ab.
Respektvolle Behandlung ist wichtig
Die Ausbildung zum Akupunkteur in der Suchtbehandlung muss mehr leisten, als den Auszubildenden das richtige und sichere Stechen der richtigen Punkte beizubringen. Es kommt darauf an, den schwierigen Patienten („Lass mich in Ruhe!“) respektvoll zu behandeln und auch non-verbal zu vermitteln, dass er oder sie – so ängstlich, so ambivalent, so unmöglich und chaotisch oder so gestresst sie auch sein mögen – angenommen und respektiert werden und trotzdem Grenzen erfahren.
Das NADA-Protokoll ist ein Behandlungskonzept, das Akupunktur und konventionelle therapeutische Elemente verbindet. Es ist einfach und effektiv und kann leicht in alle herkömmlichen psychiatrischen, psychotherapeutischen und suchtmedizinische Behandlungskonzepte integriert werden.

Foto: gyn-ottensen.de (1) Grafik: Thomas Frohnwieser (1)