Neue Studie erklärt, warum Alkohol Fressattacken auslöst
Mit dem Rausch kommt auch die Pizza

von Harald Frohnwieser

Dass Alkohol nicht gerade zu den Schlankmachern zählt, ist bekannt. Bier und Wein, aber auch Spirituosen haben nicht wenige Kalorien, und der sogenannte Bierbauch gibt nicht selten Zeugnis davon. Doch übermäßiger Alkoholkonsum hat in diesem Zusammenhang noch eine weitere Nebenerscheinung, die jeden Versuch, die alkoholbedingten Kilos wieder zu verlieren, scheitern lassen. Denn nach oder schon während eines Besäufnisses kommt es zu wahren Fressattacken. Schuld daran sind, wie britische Forscher jetzt feststellen konnten, bestimme Neuronen im Gehirn, die durch den Alkohol aktiviert werden. Ganz nach dem Motto: Erst der Rausch und dann die Völlerei.

Dem Vollrausch folgen hemmungslose Fressattacken. Eigentlich unerklärlich, denn alkoholische Getränke sind energiereicher als Fett und müssten daher eigentlich ein Sättigungsgefühl erzeugen. Dennoch greifen Menschen, die sich betrinken, nicht nur zu kleinen Snacks für Zwischendurch, sondern auch zu wahren Kalorienbomben wie Wissenschaftler Denis BurdakovSchweinsbraten, Schnitzel oder Pizza. Die Wissenschaftler um Denis Burdakov vom Francis Crick Institute in London haben nun herausgefunden, was in Bezug auf Fressattacken im Gehirn abläuft, wenn man übermäßig viel Alkohol trinkt. Die Forscher verabreichten Mäusen drei Tage lang eine so hohe Dosierung Alkohol, die einem feuchtfröhlichen Wochenende entsprechen würden, andere Artgenossen wiederum blieben nüchtern. Wobei es egal war, ob die Versuchstiere vorher Nahrung zu sich aufgenommen hatten oder ihre Mägen leer waren. Da die Gehirne von Mäusen ähnlich strukturiert sind wie die der Menschen, waren die Forscher von Anfang an davon überzeugt, dass sich die Ergebnisse ziemlich genau auf den Homo Sapiens übertragen lassen. Dazu Prof. Nils Brose vom Max-Planck Institut für experimentelle Medizin in Göttingen, Deutschland: „Die Grundprinzipien des Aufbaus des Nervensystems und die Eigenschaften von Nervenzellen im Mausgehirn sind denen im Menschengehirn sehr ähnlich.“
Neuronen steuern den Appetit
Doch zurück zur Erforschung der Heißhungerattacken von Betrunkenen. Noch bevor die eigentliche Arbeit begann fiel den Wissenschaftlern auf, dass die Nagetiere im betrunkenen Zustand mehr Nahrung zu sich aufnahmen, als wenn sie nüchtern waren. Zudem stellten sie fest, dass der Alkohol eine erhöhte Aktivität der sogenannten AgRP-Neuronen im Gehirn der Mäuse hervorrief. Diese Neuronen wurden auch schon in einer anderen Studie in Zusammenarbeit mit den Essgewohnheiten festgestellt - die AgRP-Neuronen befinden sich im Hypothalamus des Gehirns und steuern den Appetit. Kurz gesagt: Sind diese Neuronen aktiviert, essen wir, sind sie deaktiviert, stellt sich das Hungergefühl ein.
Alkohol vermittelt Appetitsignale
Das Ergebnis der Studie war für die Forscher dann doch ziemlich überraschend: Jene Mäuse, denen Alkohol injiziert wurde, nahmen um etwa 25 Prozent mehr Nahrung auf Nach Alkoholkonsum eine Heißhungerattackeals ihre nüchtern gebliebenen Artgenossen. „Unsere Daten lassen vermuten, dass Alkohol grundlegende Appetitsignale vermittelt“, schreibt Forschungsleiterin Sarah Cains in der Wissenschaftszeitschrift „Nature Communications“. Cains und ihre Kollegen gingen noch einen Schritt weiter und gaben Alkohol zu Gewebeschnitten von Mäusegehirnen in eine Schale und konnten beobachten, das spezielle Gehirnzellen daraufhin vermehrt reagierten. Blockierten sie genau diese Zellen mit bestimmten Chemikalien in lebenden Mäusen, dann verhielten sich diese Tiere anders und aßen auch dann nicht mehr als sonst, auch wenn sie betrunken gemacht wurden.
Energiereicher Alkohol
Weltweit waren Forscher schon immer verwundert, warum Menschen nach einem Alkoholkonsum hungrig wurden. Denn an sich ist Alkohol alleine schon sehr energiereich. So beträgt ein Gramm reines Ethanol 7,1 Kilokalorien. Nur pures Fett mit neun Kilokalorien pro Gramm kann dies noch toppen. Normalerweise verschwindet das Hungergefühl wieder, wenn man kalorienreiche Nahrung zu sich genommen hat, doch beim Alkohol ist das dank der AgRP-Neuronen anders und man bekommt noch mehr Hunger, wenn man trinkt. „Es ist seit langem bekannt, dass Alkohol Einfluss auf das Essverhalten hat“, sagt der Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg, Jens Reimer, im Interview mit dem deutschen Nachrichtenportal dw.com. Und warnt: „Gefährlich wird es, wenn jemand sich ungesund ernährt, viel Alkohol trinkt und sich daraufhin noch mehr ungesundes fettiges Zeug zuführt. Wer dieses Verhaltensmuster entwickelt, wird schnell übergewichtig. Die Folgen davon sind ein erhöhtes Risiko für Krebs, Diabetes, Schlaganfall und viele andere Krankheiten.“
Schnell weg vom Idealgewicht
Hinzu kommt, dass einer etwas älteren britischen Studie zufolge die Hälfte aller Befragten angaben, an Tagen, an denen sie übermäßig viel Alkohol getrunken haben, auf Sport zu verzichten. Dabei wäre dies unbedingt notwendig, wenn man die in der Nacht zuvor aufgenommenen Kalorien wieder los werden möchte. Denn die Studienteilnehmer hatten in durchzechten Nächten mehr als 2800 Kalorien in Form von Nahrung und satte 1470 Kalorien in Form von Alkohol zu sich genommen. BierbauchZusammengezählt sind dies 4270 Kalorien. Wenn man bedenkt, dass ein 175 Zentimeter großer Mann, der 70 Kilo auf die Waage bringt, in etwa 2500 Kalorien am Tag benötigt, verdeutlicht dies ungeschminkt, wie schnell man sich mit jedem Rausch von seinem Idealgewicht entfernt (siehe auch „Starkes Saufen hat Gewicht“).
Verlust der Selbstkontrolle
Alkohol hat aber nicht nur sehr viele Kalorien, er hemmt auch den Fettabbau. Denn solange der Körper mit dem Verbrennen von Alkohol beschäftigt ist, ist er für das Verbrennen der Nahrung blockiert. Werden aber weniger Fette verbrannt, steigen die Blutfettwerte, was dann wiederum ein gesundheitsgefährdendes Übergewicht hervorruft. Ein Teufelskreis, der sich, solange man regelmäßig trinkt, nicht durchbrechen lässt. Denn Alkoholkonsum führt zum Verlust der Selbstkontrolle, was auch zur Folge hat, dass es keine Hemmungen beim Essen gibt. Über das Ergebnis der Studie zeigt sich Suchtmediziner Jens Reimer jedenfalls erfreut: „Sie hat nun erstmals im Gehirn ein bestimmtes neuronales Gebiet identifiziert, das dieses Verhalten steuert.“

Foto: crick.ac.uk (1) Grafiken: Thomas Frohnwieser (2)