Neue Langzeit-Alkohol-Studie bestätigt:
Trinkende Eltern haben trinkende Kinder

von Harald Frohnwieser

Dass Eltern eine Vorbildfunktion haben, ist nichts Neues. Papa und Mama üben einen nicht unwesentlichen Einfluss auf ihre Sprösslinge aus. Doch bei der Frage des Trinkverhaltens schieden sich bisher die Geister. Trinkt ein Kind oder ein Jugendlicher nur deshalb so viel Alkohol, weil es in den Genen vorgegeben wurde? Oder weil die Freunde auch alle saufen? Oder weil die Pubertät eine sehr schwierige Zeit ist? Nun hat eine aktuelle Studie aus Deutschland, die im Auftrag der Krankenkasse DAK durchgeführt wurde, bestätigt, was schon lange vermutet wurde: trinkende Eltern haben meist trinkende Kinder. Wobei es egal ist, ob die Kinder bereits in jungen Jahren zum Alkohol greifen oder später, wenn sie erwachsen geworden sind.

Das Bier aus dem Kühlschrank, das den Feierabend einleitet, das Grillfest im heimischen Garten oder auf dem Balkon, das ohne Alkohol nicht denkbar ist, das gesellige Zusammensein mit Freunden im Wohnzimmer, das ohne Wein oder Sekt nicht auskommt. Alkohol ist in unseren Breiten zu einer Selbstverständlichkeit geworden, er ist quasi immer dabei. Sei es, um nach der Arbeit den Stress abzubauen oder einfach nur, weil es üblich und etabliert ist, die legale Droge zu konsumieren. Dass aber Eltern, die regelmäßig zum Alkohol greifen, eine wichtige Vorbildfunktion für ihre Kinder haben, ist nicht allen Müttern und Väter bewusst.
Die DAK-Krankenkasse, die schon seit Jahren für einen vernünftigen Umgang mit dem Rauschmittel kämpft und für die Prävention sehr wichtig ist, wollte genau wissen, wie wichtig die Rolle der Eltern ist, wenn es um einen vernünftigen Umgang der Sprösslinge mit dem Alkohol geht und hat ein Forscherteam beauftragt, dies herauszufinden. Doch nicht nur die DAK sind von dem Ergebnis überrascht, auch die Forscher hätten sich nicht gedacht, dass der Einfluss der Eltern auf diesem Gebiet tatsächlich so groß ist.
„Unsere Untersuchung zeigt, dass beim Rauschtrinken der Einfluss des Elternverhaltens stärker ist als bislang angenommen“, sagt der Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord), Reiner Hanewinkel. Die Quintessenz der Langzeitstudie auf den Punkt gebracht: Zwölfjährige, deren Eltern regelmäßig zum Alkohol greifen, haben im Erwachsenenalter ein dreimal höheres Risiko, einen riskanten Umgang mit dem Alkohol zu entwickeln als jene Altersgenossen, deren Eltern nur selten zur Flasche greifen.
Hohe Dunkelziffer
Hanewinkel untersuchte für seine Studie mehr als 1000 Jugendliche über einen Zeitraum von neun Jahren und sah sich genau an, wie sich deren Alkoholkonsum entwickelte. Zudem wurden an die tausend Mütter und Väter von Kindern und Jugendlichen im Alter von sieben bis 17 Jahren befragt. Dabei kam heraus, dass rund ein Drittel der Eltern ein riskantes Trinkverhalten aufwiesen. Bei den Vätern lag der Anteil sogar bei 39 Prozent. Ein Fünftel der Eltern machte sich immerhin Sorgen, dass ihre Jungs und Mädchen zu viel Alkohol trinken. Nicht zu Unrecht: 20 Prozent der minderjährigen Sprösslinge zwischen zwölf und 17 Jahren hatte eigenen Angaben zufolge schon mal einen handfesten Rausch, wobei angenommen wird, dass die Dunkelziffer weit höher ist.
Frühzeitige Aufklärung ist wichtig
Bei diesem Ergebnis schrillen bei den Forschern die Alarmglocken – denn 55 Prozent der Zwölf- bis 13-Jährige, die bereits Rauscherfahrungen gesammelt haben, bekommen als Erwachsene Probleme im Umgang mit dem Alkohol. Wobei „nur“ 46 Prozent der Gleichaltrigen, die noch nie betrunken waren, zu einem gefährlichen Umgang mit Bier, Wein oder Wodka haben. Dazu Reiner Hanewinkel: „Wenn es uns gelingt, die Jugendlichen zu überzeugen, dass Rauschtrinken nichts für sie ist, trinken sie auch als Erwachsene deutlich moderater.“ Deshalb sind für die DAK-Krankenkasse Prävention und regelmäßige Kampagnen unumgänglich. „Diese Untersuchungen zeigen, wie wichtig die frühzeitige Aufklärung über die Risiken und Gefahren von Alkoholmissbrauch ist“, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm.
„Menschen müssen wachgerüttelt werden!“
Aus der Elternbefragung geht auch hervor, dass sich die Mütter und Väter eine gezielte Prävention an den Schulen zum Thema Rausch- und Komatrinken wünschen. Andreas Storm: „Aus Sicht der Eltern müssen die Menschen wachgerüttelt werden.“ Eine Aufforderung, die die Krankenkasse ernst nimmt. Sie setzt daher wieder auf die achte Wiederauflage der erfolgreichen Präventionskampagne „bunt statt blau – Kunst gegen Komasaufen“ in Form eines Plakatwettbewerbs. Nach dem Willen der DAK sollen sich 2017 wieder mehr als 11.000 Schulen im gesamten Bundesgebiet Deutschland daran beteiligen. Wobei eine Präventionskampagne in Gymnasien besonders wichtig wäre. Und bei deren weiblichen Schülern. Reiner Hanewinkel macht dafür die elterliche „Prosecco-Fraktion“, die sozioökonomisch gut gestellt ist, verantwortlich.
Freilich sind die Eltern nicht die alleinigen Verantwortlichen, wenn ihre Kinder später zu Alkoholikern werden. Abenteuerlust, der Reiz, Alkohol heimlich zu trinken sowie der Freundeskreis können ebenfalls eine spätere Alkoholkarriere fördern. Doch abgesehen davon sind die Eltern überwiegend diejenigen, die über den späteren Umgang ihrer Kinder mit dem Alkohol entscheiden.
Gesundheitspolitische Herausforderung

Das Ergebnis der Langzeitstudie hat auch die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler, CDU, alarmiert. „Wasser predigen und Wein trinken, das geht nicht“, appelliert sie an die Eltern, ihre Vorbildfunktion ernst zu nehmen. Mortler fordert auch, dass die Länder und Kommunen (Gemeinden) die Jugendschutzgesetze stärker als bisher kontrollieren sollen. Auch die TV-Anstalten müssten sich ihrer Verantwortung bewusst sein und weniger Filme zeigen, in denen es „ums Saufen, Kiffen und Rauchen geht“. Doch federführend bei diesen drei Suchtmitteln ist nach Ansicht der Bundesdrogenbeauftragten der Alkohol. „Trotz rückläufigen Konsums ist Alkoholmissbrauch weiter eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen“, so Mortler.