Die österreichische Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser:
„Maßvoller Umgang mit Alkohol ist mein Ziel!“

von Harald Frohnwieser

Sie ist seit 1. September 2014 im Amt und hat gleich von Beginn an dem Rauchen den Kampf angesagt. Mittlerweile setzt sich die österreichische Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser auch mit dem Thema Alkoholabhängigkeit auseinander und hat auf diesem Gebiet für die nächste Zeit einiges vor. So soll es demnächst mehr Prävention schon bei den Kleinsten und eine großangelegte Aufklärungskampagne geben. Im großen „Alk-Info“-Interview nimmt die 1963 geborene Mutter zweier Töchter unter anderem Stellung dazu, warum Österreich beim Alkoholkonsum im europäischen Spitzenfeld liegt, warum man in Österreich als Alkoholkranker sehr lange auf einen Therapieplatz warten muss, warum eine Alkoholsucht immer noch ein großes Tabuthema ist und ob es höhere Steuern auf alkoholische Getränke geben soll.

„Alk-Info“: Frau Bundesministerin Oberhauser, Österreich liegt im europäischen Vergleich hinter Litauen und Estland an der 3. Stelle jener Länder, in denen am meisten Alkohol getrunken wird. Wie kann man hier gegensteuern?
Sabine Oberhauser: Österreich orientiert sich alkoholpolitisch an der „EU-Alkohol-Strategie“ und an der „WHO-Alkohol-Strategie“. Beide zielen nicht auf den Alkoholkonsum an sich, sondern auf den problematischen Konsum. Wie in vielen europäischen Ländern ist Alkoholkonsum auch bei uns gesellschaftlich Österreichische Gesundheitsministerin Sabine Oberhauserund kulturell integriert. Daher steht im Fokus nicht der moderate Alkoholkonsum, sondern problematische Gebrauchsmuster. Eine demnächst veröffentlichte erste Österreichische Suchtpräventionsstrategie, die wir auf breitem ExpertInnenkonsens aufsetzen, wird die künftige Linie auch bezüglich Alkohol vorgeben. Diese Strategie wird die Grundlage liefern, die suchtpolitische Ausrichtung für die nächsten Jahre vorzugeben.

Laut WHO wird Alkoholismus bei den Männern bis zum Jahr 2030 die am meisten verbreitete Krankheit sein. Erst danach werden dann Herzerkrankungen, Depressionen oder Diabetes kommen. Ist das nicht alarmierend? Kann man diesen Trend stoppen?
Der Alkoholkonsum in der Europäischen Region der WHO ist der höchste der Welt. Übermäßiger Konsum kann zu erheblichen gesundheitlichen und sozialen Problemen führen. Abhängigkeitsentwicklung ist aber multikausal. Unser Ziel muss es sein, einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft zu fördern. Um der Suchtproblematik wirksam gegenzusteuern, müssen aufeinander abgestimmte Maßnahmen in vielen verschiedenen Gesellschaftsbereichen ansetzen: Bewusstseinsbildung, breit angelegte Gesundheitsförderung und Suchtprävention, gutes und ausreichendes therapeutisches Angebot, strukturelle und rechtliche Rahmenbedingungen mit präventiven Zielsetzungen etc. Da müssen alle Politikbereiche zusammenwirken, ganz im Sinne des „Health in all Policies“ Prinzips.

Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt in Österreich meist mehrere Wochen, mitunter sogar drei bis vier Monate. In Deutschland oder in der Schweiz wartet man lediglich 2 Wochen auf einen Platz. Wird es bei uns in absehbarer Zeit mehr Therapieplätze geben?
Der Vollzug liegt im österreichischen Gesundheitswesen meist bei den Ländern. Für die Versorgung von Patientinnen und Patienten sind also die Länder zuständig. In der Regel erfolgt eine Zuweisung durch die zuständige Krankenkasse; deren Leistungsangebote richten sich nach vorhandenen Möglichkeiten im lokalen und regionalen Bereich.

Angeblich soll die größte Therapieeinrichtung für Alkoholkranke in Europa, das Anton-Proksch-Institut in Wien-Kalksburg, in ein paar Jahren geschlossen werden. Falls das stimmt, was kommt an Stelle des API?
Das kann ich nicht bestätigen. Die Arbeit des API ist besonders zu würdigen. Das Institut leistet einen fundamentalen Beitrag zur Behandlung und Therapie suchtkranker Menschen in Österreich.

Alkoholismus ist bei uns immer noch ein großes Tabuthema. Sollte man seitens des Gesundheitsministeriums diese Krankheit nicht offen ansprechen? Sind diesbezüglich Aufklärungskampagnen geplant?
Ja, Suchtkrankheit generell ist noch immer mit einem gesellschaftlichen Stigma belastet. Eine wichtige Funktion der erwähnten Österreichischen Suchtpräventionsstrategie ist es daher, zu vermitteln, dass Sucht keine Willensschwäche oder moralische Verfehlung ist, sondern eine Erkrankung mit multifaktorieller Genese und dass Suchtkranke Patientinnen und Patienten sind wie an anderen Krankheiten leidende Menschen auch.
Ich habe mich während meines ersten Jahres als Gesundheitsministerin schwerpunktmäßig dem Kampf gegen die Tabaksucht gewidmet. Mir ist aber durchaus bewusst, dass auch Alkoholismus ein Thema ist, bei dem Handlungsbedarf besteht. Über allfällige Aktivitäten und Aufklärungskampagnen für das Jahr 2016 finden gerade ressortintern Gespräche statt. Ich kann aber noch keine Details nennen. Zu erwähnen ist jedenfalls auch, dass es von der ARGE Suchtvorbeugung und den Suchtpräventionsstellen der Bundesländer laufend Schwerpunktaktionen in Bezug auf Alkohol gibt.

In der Schweiz findet eine regelmäßige Alkoholprävention schon bei den Kleinsten statt, Suchtexperten erreichen die Kinder und Jugendlichen in den Schulen, in Jugendzentren, am Sportplatz etc. In Österreich passiert auf diesem Gebiet fast nichts. Warum?
Das ist so nicht richtig. In Österreich wurde die Suchtprävention schon vor vielen Jahren auf eine breite Basis gestellt. Mit den 9 Fachstellen für Suchtprävention und den von diesen entwickelten Konzepten verfügen wir über ein professionelles, am Stand der Wissenschaften ausgerichtetes Suchtpräventionssystem. Mittels indirektem Ansatz werden Schlüsselpersonen und MultiplikatorInnen ausgebildet, die Suchtprävention in die Arbeit mit den Zielgruppen in ihrem jeweiligen Setting - vom Kindergarten über Schule, Betrieb bis zum Freizeitbereich – integrieren. Es geht nicht darum, Neues zu erfinden, sondern Bewährtes fortzuführen und bestehende Kapazitäten auszubauen.

Anerkannte europäische Suchtexperten fordern höhere Steuern auf alkoholische Getränke. Soll Alkohol Ihrer Meinung nach teurer werden?
Starke Preiserhöhungen und starke Einschränkungen der Verfügbarkeit haben einen gewissen Einfluss auf das Konsumverhalten, aber nicht so stark wie dies verschiedene ExpertInnen vertreten. Ein Beispiel: Über die letzten Jahrzehnte sind die Alkoholpreise in Österreich um die Hälfte gefallen, die Öffnungszeiten liberalisiert worden und dennoch ist der durchschnittliche Alkoholkonsum der Erwachsenen um etwa ein Viertel zurückgegangen. Es ist nie eine einzelne Maßnahme, die sich positiv auswirkt. Vielmehr können Einzelmaßnahmen auch kontraproduktive Umgehungen bewirken. Nur ein gut aufeinander abgestimmtes Bündel von einander ergänzenden langfristigen Maßnahmen, im Sinne einer Gesamtstrategie, kann zielführend sein. Preispolitik kann aber durchaus Bestandteil der Gesamtstrategie sein.

Für Allergiker gibt es seit bald einem Jahr eine Kennzeichnungspflicht für Allergene auf den Speisekarten. Trockene Alkoholiker wissen, wenn sie essen gehen, oft nicht, ob die von ihnen bestellte Speise mit Alkohol zubereitet wurde. Sollte man hier nicht auch verpflichtend angeben, dass sich im Essen Alkohol befindet?
Darüber kann man aus gesundheitspolitischer Sicht diskutieren. Auch hier gilt aber: Es geht nicht um die eine oder andere einzelne Maßnahme, sondern um eine insgesamt kohärente langfristig umgesetzte Präventionspolitik.

Zigarettenwerbung ist im TV schon lange verboten, auf den Zigarettenpackungen wird vor dem Rauchen gewarnt. Beim Alkohol geschieht in dieser Hinsicht nichts. Warum geht man hier so unterschiedlich vor? Immerhin ist Alkohol genauso eine Droge wie Nikotin.
Die gesundheitliche Gefährdung durch Rauchen und Alkohol sind nicht 1:1 vergleichbar. Im Gegensatz zum Tabakbereich gibt es außerdem bei Alkohol noch keine EU-rechtlichen Vorgaben. Warnhinweise bei alkoholischen Getränken werden aber derzeit kontrovers diskutiert. Was den Alkohol betrifft, muss bei stärkeren Getränken der Gehalt auf dem Etikett angeführt werden. Hinweise für besondere Situationen, wie Alkohol im Straßenverkehr, in der Schwangerschaft oder bei gefahrengeneigten Tätigkeiten sollten diskutiert werden. Warnhinweise für sich allein genommen sind aber kein adäquates Präventionskonzept.

Einen Politiker, der in der Öffentlichkeit raucht, sieht man fast nirgends, Alkohol trinkende Politiker sieht man hingegen sehr oft (bei Eröffnungsfeiern, Oktoberfesten, Ehrungen etc). Sollten nicht Politiker mit gutem Beispiel vorangehen und Alkohol in der Öffentlichkeit meiden?
Wie Eingangs erwähnt, muss es unser Ziel sein, einen maßvollen und verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol in der Gesellschaft zu fördern. Zweifelsohne kommt in diesem Zusammenhang Politikerinnen und Politikern eine wichtige Vorbildwirkung zu. Im Gegensatz zum Tabak aber, wo das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden ja primär dem Schutz vor unfreiwilliger Passivrauchexposition dient, geht es beim Alkoholkonsum primär um einen maßvollen Umgang und verantwortungsbewussten Konsum für die konsumierende Person selbst (siehe auch „Die Millionenstadt mit dem Vollrauschbürgermeister“).

Viele Projekte werden in Österreich zu Recht ausreichend gefördert, wie etwa Künstler oder Verlage. Die Selbsthilfegruppe für Alkoholiker, das Blaue Kreuz in Wien, erhält hingegen pro Jahr eine lächerliche Förderung von 1400 Euro. Wobei das Blaue Kreuz auch in der Suchthilfe ausgebildete Mitarbeiter beschäftigt. Warum wird für den Suchtbereich nicht mehr Geld ausgegeben?
Die Tätigkeit einzelner Selbsthilfegruppen wird selbstverständlich sehr geschätzt, jedoch ist deren Förderung grundsätzlich regionale Angelegenheit. Aus Bundesmitteln können nur überregionale Aktivitäten bzw. innovative Modellprojekte gefördert werden, soweit die Durchführung sonst nicht oder nicht in dem notwendigen Umfang möglich wäre. Auch die beschränkten zur Verfügung stehenden budgetären Mittel setzen der Unterstützung Grenzen.

Die Hausärzte sind meist die ersten Ansprechpartner eines Patienten. Doch beim Thema Alkoholismus kennen sich viele leider nicht besonders gut aus. Noch immer hört man, dass Ärzte einem/einer alkoholkranken PatientIn raten, halt einfach weniger zu trinken. Sollten die Ärzte auf diesem Gebiet nicht besser geschult werden?
Ja, Ärzten und Ärztinnen kommt bei der Früherkennung, Prävention und Behandlung eine wichtige Schlüsselrolle zu. Daher wurden in der Ärzte-Ausbildungsordnung 2015 erstmals suchtspezifisch relevante Ausbildungsinhalte verankert und in der Ausbildung zum Facharzt bzw. zur Fachärztin für Psychiatrie ein spezifisch suchttherapeutisches Modul eingeführt.

Wie stehen Sie als Gesundheitsministerin zu Selbsthilfegruppen wie den „Anonymen Alkoholikern“ oder das „Blaue Kreuz“? Wie wichtig schätzen Sie deren Arbeit ein?
Ich schätze die Arbeit der diversen Selbsthilfegruppen und deren engagierten Einsatz, im speziellen Fall für die Reduktion von Alkoholkonsum, sehr. Gerade in Suchtfragen ist die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, Vertreterinnen und Vertreter von Selbsthilfegruppen einerseits oder NGOs wie z. B. dem Blauen Kreuz andererseits, enorm wichtig und wertvoll.

Foto: BMG / Johannes Zinner (1)