Suchtkrankenhaus Maria Eben hat mit Michael Willis neuen Chef
„Motivation muss schnell genützt werden“

von Harald Frohnwieser

Viele Jahre lang führte Prof. Reinhard Haller, Autor mehrerer Sachbücher (u.a. „(Un)Glück der Sucht“, ecowin-Verlag), das Suchtkrankenhaus Maria Eben in Vorarlberg in Österreich mit viel Engagement und mit großem Erfolg. Mit Jahresbeginn 2018 übernahm Prim. Dr. Michael Willis die Ärztliche Leitung - und tritt mit einem ebenso großen Engagement an. Im großen „Alk-Info“-Interview spricht er unter anderem über das breite ambulante und stationäre Therapieangebot des Krankenhauses, warum er gegen allzu lange Wartezeiten fürPrim. Dr. Michael Willis eine Aufnahme ist und über die wichtige Rolle der Anonymen Alkoholiker. Zudem fordert Michael Willis von der Politik, dass in Österreich viel mehr auf dem Gebiet der Suchtprophylaxe geschehen muss.

„Alk-Info“: Sie sind seit 1. Januar 2018 der neue Ärztliche Leiter der Stiftung Maria Ebene und somit der Nachfolger von Herrn Prof. Reinhard Haller. Wo waren Sie vorher tätig?
Prim. Dr. Michael Willis: Ich habe meine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an den Universitätskliniken der Medizinischen Universität Innsbruck absolviert. In dieser Zeit konnte ich wiederholt auf Stationen arbeiten, auf welchen Alkoholentzüge und Alkoholentwöhnungstherapien durchgeführt wurden. Ab dem Jahr 2013 arbeitete ich an der Spezialambulanz für Abhängigkeitserkrankungen der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Innsbruck, in welcher Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen von illegalen Substanzen behandelt werden.

Eingang des Krankenhauses Maria EbeneWas konnten Sie von Herrn Prof. Haller mitnehmen und was haben oder werden Sie selbst einbringen oder erneuern?
Als ich die Möglichkeit bekam die Nachfolge von Herrn Prof. Haller anzutreten, war mir die Arbeit der Stiftung Maria Ebene schon seit Jahren ein Begriff. Die Arbeit von Herrn Prof. Haller war wegweisend und ermöglicht es den Patienten in Vorarlberg aus einem großen therapeutischen Angebot auswählen zu können. Das Angebot der Stiftung Maria Ebene umfasst ein breites Angebot an ambulanten und stationären therapeutischen Möglichkeiten Abhängigkeitserkrankungen zu behandeln. Auch ist es mir wichtig, die therapeutische Herangehensweise von Herrn Prof. Haller anSachbuchautor Reinhard Haller Patienten fortzuführen, welche an Abhängigkeitserkrankungen leiden. Auch mir ist es wichtig, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Eines meiner weiteren Schwerpunkte ist es, die Fortführung der Entstigmatisierung von Patienten, welche an Abhängigkeitserkrankungen leiden, voranzutreiben. Die Sichtweise der Abhängigkeitserkrankungen als Erkrankungen mit multifaktoriellen Ursachen auf einer biologischen Basis ist mir sehr wichtig.

Wenn man als Alkoholiker zu Ihnen kommt, was erwartet einen da?
Unsere Patienten erwartet ein hochmotiviertes und bestens ausgebildetes therapeutisches Team. Oft ist der Weg an unsere Ambulanzen oder zu unserer stationären Therapie ein langwieriger und von Selbstvorwürfen geprägter. Deswegen wollen wir den Zugang zu unseren Ambulanzen möglichst niederschwellig gestalten. Unsere Patienten können ohne Terminvereinbarung an 6 Tagen der Woche an unsere Ambulanz kommen. Wir bieten neben Beratung für Betroffene und Angehörige auch sozialarbeiterische und psychologische Betreuung, sowie durch unser medizinisches Personal durchgeführte Entzüge an.

StiegeneingangMuss man nüchtern in die Ambulanz kommen?
Unsere Patienten kommen oftmals beim Erstkontakt mit unserer Ambulanz intoxikiert (angetrunken) oder noch restintoxikiert an das Krankenhaus Maria Ebene. Uns ist es wichtig, auch diesen Patienten ein therapeutisches Angebot zu geben. In vielen Fällen kommen diese Patienten auch in Begleitung von Angehörigen in die Ambulanz. In den meisten Fällen kann die Therapie schon am ersten Tag begonnen werden. Unsere Herangehensweise an die Alkoholabhängigkeit ist eine abstinenzorientierte. In der klinischen Realität ist jedoch wiederholt mit Rückfällen zu rechnen. Gerade diese Patienten müssen zeitnah die Möglichkeit haben an unserer Ambulanz weiterbehandelt zu werden. Das heißt., in unserer Ambulanz gibt es keine Reglementation der Behandlung aufgrund überhöhter Ansprüche.

Welche Therapien bieten Sie und Ihr Team an?
Wir haben ein breites Angebot an ambulanten und stationären Therapien. Die ambulante Therapie von Abhängigkeiten von Alkohol und Nikotin werden primär über das Krankenhaus Maria Ebene angeboten, Beratung und Therapie von den Abhängigkeiten von illegalen Drogen und Glücksspielsucht in den Clean Beratungsstellen. In den meisten Fällen kann eine ambulante Therapie erfolgen. Bei der Notwendigkeit einer stationären Therapie bietet das Krankenhaus Maria Ebene Aufenthalte für Alkohol-, Nikotin- und Glücksspielabhängigkeit an, die Therapiestation Lukasfeld für Abhängigkeitserkrankungen von illegalen Drogen und die Therapiestation Carina für die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen oder psychischen Störungen im Rahmen von Abhängigkeitserkrankungen. Einer ambulanten Therapie ist bei vorhandener sozialer Integration der Vorzug zu geben, bei schweren Erkrankungen ist jedoch die stationäre Therapie oftmals dringend notwendig. Während der stationären Therapie müssen die Patienten lernen mit der neugewonnenen Freiheit und intensiveren Realitätswahrnehmung umzugehen. Um diese Umstellung zu erleichtern, bieten wir neben fundierter medizinischer-psychiatrischer Behandlung und psychotherapeutischer Herangehensweise auch ein breites Angebot an soziotherapeutischen Angeboten. Nur eine multimodulare Herangehensweise wird den breiten individuellen Bedürfnissen unserer Patienten gerecht.

Wie lange dauert im Schnitt der Aufenthalt bei Ihnen?
In den letzten Jahren hat sich bei der Alkoholabhängigkeit eine Therapiedauer von ca. acht Wochen als optimal etabliert. In dieser Zeit hat der Patient die Möglichkeit, eine ausreichende StabilisierungPatientenzimmer und Festigung zu erlangen, welche einen erfolgreichen Start in ein Leben unter neuen Voraussetzungen ermöglicht.

Sind diese Zeiten starr vorgegeben oder kann man gegebenenfalls länger bei Ihnen bleiben?
WDiese Zeiten sind nicht starr vorgegeben. Sollte sich während des therapeutischen Aufenthaltes die Notwendigkeit einer Verlängerung ergeben, kann diese beantragt werden. Diese Möglichkeit wird von den Patienten oftmals dankend angenommen. Des Weiteren wird bei Medikamentenabhängigkeit oftmals schon im Vorfeld eine längere Therapiedauer eingeplant. Wiederholt kommt es auch vor, dass Patienten die geplanteTurnsaal Therapiedauer insofern nicht einhalten können, da sie trotz des geschützten Rahmens rückfällig werden. Dies stellt jedoch eine Ausnahme dar. An den beiden Therapiestationen Lukasfeld und Carina ist die Therapiedauer insgesamt deutlich länger. Die Therapiedauer ist individuell verschieden und kann auch im Rahmen einer Langzeittherapie ein bis zwei Jahre betragen.

Die Wartezeiten für eine Alkoholtherapie dauert in Österreich meist acht Wochen oder noch länger. Wie lange muss man warten, um in Ihrem Krankenhaus aufgenommen zu werden?
Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir Wartezeiten von vier bis acht Wochen anbieten können. Die althergebrachte Meinung, Alkoholkranke müssten besonders lang auf ihre Therapie warten um dann auch ausreichend motiviert zu sein, wird von uns nicht getragen. In konsequenterweise können sich unsere Patienten auch ohne Anmeldung oder Termin an unserer Ambulanz melden. Oftmals sind die Phasen der Motivation von kurzer Dauer und müssen genutzt werden. Auch die Entscheidung eine stationäre Therapie anzutreten, ist eine schwierige. Unserer Meinung nach erschwert eine zu lange Wartezeit den Zugang zu einer erfolgreichen Therapie.

SeminarraumWie wichtig sind Ihnen die Angehörigen?
Die Angehörigenarbeit ist aus mehreren Aspekten eine enorm wichtige. Abhängigkeitserkrankungen treten in bestimmten Familien gehäuft auf. Dies führt oftmals zu einer Sensibilisierung der Angehörigen und vermehrten Wahrnehmung von ersten Symptomen einer Suchterkrankung. Gerade dann ist es wichtig, dass Patienten ohne große Hürden mit ihren Angehörigen Hilfe erhalten können. Des Weiteren muss hinterfragt werden, ob eine erfolgreiche Therapie nur bei Selbstmotivation möglich ist. Viele unserer Patienten kommen auf Druck von Angehörigen zur Therapie und erlernen erst während der Therapie neue Sichtweisen und sind erst dann selbstmotiviert längerfristig dem Alkoholkonsum abzusagen. Zu guter Letzt muss beachtet werden, dass die Therapieaussichten viel erfolgsversprechender sind, wenn die Angehörigen mit eingebunden werden. Fehlendes Wissen über die Entstehung und Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit führen bei Angehörigen oftmals zu falschen Vorstellungen. So wird dem Erkrankten oft die Schuld für sein Handeln gegeben und die Fortführung des Konsums wird als aktiver Beziehungsbruch angesehen.

Gibt es bei der Entlassung gewisse Voraussetzungen?
Wir versuchen unsere Patienten vor der Entlassung soweit zu stabilisieren, dass sie den Herausforderungen des Alltags gewachsen sind. Neben dieser während des stationären Aufenthaltes erworbenen Stabilität ist eine Planung der Nachbetreuung und Gewährleistung sozialer Grundbedürfnisse Voraussetzung. Uns ist bewusst, dass die ersten Tage nach der stationären Entlassung für unsere Patienten eine hochsensible Zeit bedeuten. Neben pharmakologischer Unterstützung erhalten unsere Patienten intensive Schulungen um mit impulshaften auftretenden Suchtdruck umzugehen.

Gibt es Gründe für eine vorzeitige Entlassung?
Die Therapie an unserem Krankenhaus ist abstinenzorientiert. Wir möchten unseren Patienten die Möglichkeit bieten, im geschützten Rahmen erste Schritte in die Abstinenz zu tätigen. Kommt es bei Patienten zu groben Verstößen gegen diese Orientierung, muss er vorzeitig entlassen werden. DesKunstraum Weiteren ist es an einem Krankenhaus mit 50 Betten unbedingt notwendig, sich an die Hausordnung und die Regeln eines wertschätzenden und respektvollen Umgangs zu halten. Da unsere Patienten während der Therapie sehr sensibel auf Verletzungen dieser Umgangsnormen reagieren, müssen wir auch von der therapeutischen Haltung groben Regelverstößen klar entgegenwirken.

Wie sieht es mit der Nachbetreuung aus?
Für unsere Patienten aus Vorarlberg können wir ein engmaschiges Nachbetreuungsnetzwerk anbieten. Dies besteht einerseits aus den Clean-Beratungsstellen, andererseits können wir auf ein breites Angebot der Caritas durch ihre Suchtfachstellen vertrauen. Für Patienten aus anderen Bundesländern wird die Betreuung über die jeweils regional zuständigen Beratungsstellen organisiert. Da es sich bei der Alkoholkrankheit um eine chronisch zum Teil rezidivierende (wiederkehrende) Erkrankung handelt, ist die Nachbetreuung gerade in den ersten Jahren immens wichtig.

Wie stehen Sie zu Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker oder das Blaue Kreuz?
Die Arbeit der Anonymen Alkoholiker ist nicht hoch genug einzuschätzen. Gerade durch ihren spirituellen Zugang bieten sie vielen Patienten die Möglichkeit längerfristig abstinent zu sein. AuchKunstraum geben sie durch ihre nicht wertende und wertschätzende Haltung vielen von unseren Patienten Halt und Bestätigung. Auch an unserem Krankenhaus finden regelmäßige Treffen der Anonymen Alkoholiker statt.

Glauben Sie, dass in Österreich genug geschieht auf dem Gebiet der Suchtbehandlung?
Wir haben in Österreich ein breit aufgestelltes und gut funktionierendes Angebot zur Betreuung von Patienten mit Suchterkrankungen vor allem in den Ballungsräumen. Dieses breite Angebot ist nur aufgrund der unermüdlichen Aufklärungsarbeit und Pionierarbeit meiner Vorgänger in den letzten 30 Jahren möglich geworden. Gerade in ländlichen Regionen gibt es jedoch noch deutlich Aufholbedarf. Um den Zugang zu Therapien zu erleichtern, braucht es noch mehr Wissen und Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung. Ein wichtiger Aspekt um zukünftige Erkrankungen zu verhindern ist die Präventionsarbeit. Einrichtungen zur Suchtprophylaxe können viel bewirken, sind jedoch immer auf die Unterstützung von der Politik angewiesen. Gerade in letzter Zeit hat es Rückschritte in der Suchtprävention gegeben, ich bin aber überzeugt, dass der in den letzten Jahrzehnten eingeschlagene Weg erfolgreich fortgeführt wird.

Was müsste dringend verbessert werden?
Eines meiner wichtigsten Anliegen wäre die Fortführung der Entstigmatisierung von Abhängigkeitserkrankungen. Eine patientenorientierte und auf medizinische Aspekte fokussierte Therapie nach internationalen Standards ist immer wünschenswert. Ein wichtiger weiterer Aspekt wäre es Nikotin endlich als das zu sehen, was es ist, eine schwerst abhängig machende Substanz und kein Genussmittel. Da ist auch die Politik gefordert, den öffentlich unterstützten Konsum mittels Reglementierungen einzuschränken. So ist die Anhebung der Altersgrenzen für den Erwerb und Konsum von Tabakwaren als wichtiger Schritt zu werten.

Krankenhaus Maria EbeneStiftung Maria Ebene – Krankenhaus und Ambulanz Maria Ebene
6820 Frastanz, Maria Ebene 17
Tel.: +43 (0)5522/727 46 - 0 und +43 (0)5522/727 46 - 1440
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Fotos: Thomas Frohnwieser (7), Stiftung Maria Ebene (2) Logo: Stiftung Maria Ebene (1)

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