Professor Reinhard Haller, Chefarzt der Suchtklinik Maria Ebene in Vorarlberg:
In Österreich wird die Suchtbehandlung leider abgebaut!“

von Harald Frohnwieser

Prof. Reinhard HallerDie Stiftung Maria Ebene, oberhalb der Gemeinde Frastanz in Vorarlberg. Der Blick ins Tal ist eine Erholung vom Alltagsstress, die unmittelbare Umgebung mahnt zur inneren Einkehr. Der Chefarzt ist aus den Medien bekannt: Professor Reinhard Haller, 1951 geboren, wird als Gerichtsgutachter für psychisch kranke Täter oft in den TV-Nachrichten interviewt, man kennt ihn aber auch aus diversen Magazinen. Trotzdem umweht ihn nicht der Hauch einer unfehlbaren Autorität, wenn er „seine“ Station besichtigt. Ein oder zwei Mal die Woche ist er in der Ambulanz anzutreffen, zu den Patienten pflegt er einen lockeren Umgang, hat für jeden ein freundliches Wort parat. Vom „Gott in Weiß“ keine Spur. Er spricht leise, besonnen, aber auch der Humor blitzt immer wieder in seinen Augen auf. „Alk-Info“ bat den Klinikleiter und Autor mehrerer Sachbücher (u.a. „(Un)Glück der Sucht“, ecowin-Verlag) zum ausführlichen Interview.

Alk-Info“: Was erwartet einen Alkoholiker, wenn er zu Ihnen kommt?
Eingang Maria EbeneReinhard Haller: Unser Gedanke war immer, dass wir die Schwellen nicht zu hoch ansetzen. Zunächst muss jemand in unsere Ambulanz kommen, dann wird gemeinsam mit dem Patienten entschieden, ob er es stationär oder ambulant versuchen will. Dabei hilft uns ein Profil, das wir erstellen. Wobei wir, wenn jemand stationär aufgenommen wird, wir versuchen, ihn gleich von Anfang an bei uns zu behandeln. Das heißt, das wir die Leute nicht zuerst woanders hinschicken, zum Beispiel in eine Psychiatrie. Manchmal muss das leider sein, aber das kommt im Schnitt nur fünf Mal im Jahr vor.

Muss man nüchtern in die Ambulanz kommen?
Nein, rund 60 Prozent kommen betrunken zu uns. Das ist aber für uns kein Problem, das sehen wir als Teil der Krankheit.

StiegeneingangWelche Therapien bieten Sie und Ihr Team an?
Da gibt es zunächst die Basisgruppentherapie, die ist für alle gleich. Da veranstalten wir auch Seminare, zu denen alle kommen sollten. Dann gibt es die individuelle Therapie. Da gibt es eigene Gruppen für spezielle Bedürfnisse, zum Beispiel für traumatisierte Frauen, für gewalttätige Männer, für Spielsüchtige oder für Schuldner. Dazu kommen autogenes Training, Außenorientierung wie Jobwechsel, Partnerschaftstherapien, Therapien für Arbeitssuchende etc. Dazu kommen natürlich auch Sport, Ausflüge oder künstlerische Betätigungen, zum Beispiel Malen. Und im letzten Teil der Therapie wird man speziell für das Leben draußen vorbereitet. Das ist uns sehr wichtig, denn die Herausforderung findet ja für jemandem statt, wenn er entlassen wird.

Wie lange dauert im Schnitt der Aufenthalt bei Ihnen?
Für Alkoholiker in der Regel acht Wochen. Medikamentenabhängige brauchen meist länger, etwa 16 Wochen.

PatientenzimmerSind diese Zeiten starr vorgegeben oder kann man gegebenenfalls länger bei Ihnen bleiben?
Natürlich kann man das. Es kommt sogar vor, dass jemand gar nicht weg will von uns weil er Angst vor dem Draußen hat.

Warum?
Als Alkoholiker hat man es draußen zunächst einmal sehr schwer, weil der Alkohol immer verfügbar ist. Als Drogensüchtiger kann man die Szene wechseln, ein Alkoholiker muss ja einkaufen gehen und sieht dann im Supermarkt die Regale mit den Wein-, Schnaps- oder Wodkaflaschen.

TurnsaalDie Wartezeiten für eine Alkoholtherapie dauert in Österreich meist acht Wochen oder noch länger. Wie lange muss man warten, um in Ihrem Krankenhaus aufgenommen zu werden?
Wir bemühen uns, das so gut wie möglich zu kanalisieren. Wer zu uns kommt, wird, auch wenn wir ihn oder sie noch nicht aufnehmen können, sofort ambulant betreut. Aber es dauert etwa acht Wochen, bis jemand ein Bett bekommt. Aber wenn wir das Gefühl haben, dass es jemand sofort braucht, weil er sich sonst mit dem Alkohol in eine sagen wir tödliche Gefahr bringt, dann schauen wir, dass wir das individuell regeln können und er oder sie sofort aufgenommen wird. Ich finde aber, dass die Wartezeit auch ihr Gutes hat. Wenn die Leute ein wenig warten müssen auf etwas, dann schätzen sie es meistens mehr als wenn sie es sofort bekommen. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass gerade die, die einen großen Druck ausüben und alle Hebel in Bewegung setzen, damit sie sofort aufgenommen werden, dann diejenigen sind, die ihre Therapie sehr schnell wieder abbrechen.

Wie wichtig sind Ihnen die Angehörigen?
Sehr wichtig. Deshalb gibt es bei uns jeden 2. Freitag im Monat Angehörigenseminare. Da können aber auch Einzelgespräche mit den Therapeuten in Anspruch genommen werden. Uns ist wichtig aufzuzeigen, dass der Alkoholiker oft nicht der wirklich Gestörte in dem System ist, er dient oft als Blitzableiter, als schwarzes Schaf. Das muss man den Angehörigen bewusst machen und hinterfragen, was in der Familie wirklich los ist.

SeminarraumGibt es bei der Entlassung gewisse Voraussetzungen?
Wir schicken niemanden weg, bei dem die Unterkunft nicht geregelt ist. Und ich habe ein ungutes Gefühl, wenn jemand geht, der keinen Job hat. Da schauen wir schon, dass er zumindest einen Termin beim AMS hat.

Gibt es Gründe für eine vorzeitige Entlassung?
Es gibt bei uns nicht die Regel, dass jemand hinausgeschmissen wird, der betrunken von einem Ausgang zurückkommt. Aber wenn jemand Alkohol mit in die Station bringt, dann wird er binnen 48 Stunden entlassen. Denn der oder die gefährdet auch die anderen Patienten.

Sie sind jetzt seit mehr als 30 Jahre hier tätig. Wie haben sich die Patienten im Lauf der Jahre verändert?
Früher hat man auch viel mehr klassische Alkoholkranke gehabt. Die Leute kommen jetzt sehr viel später zur stationären Therapie. Und sie sind viel kranker als früher. Das heißt, dass ihr Körper, ihre Organe schwerer geschädigt sind als bei jenen Patienten, die wir vor zwei oder drei Jahrzehnten behandelt haben. Beim Alkohol sind jetzt vor allem die harten Sachen gefragt, auch bei den Frauen, die früher eher auf Likör abfuhren. Und wir sehen eine Zunahme beim oft strapazierten Burnout. Es gibt tatsächlich nicht wenige, die versuchen, ihre Erschöpfung wegzutrinken.

KunstraumWissen Sie, warum das so ist?
Da spielt sicher die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre eine Rolle. Viele sagen uns, dass sie einfach Angst davor haben, ihren Job zu verlieren, wenn sie für zwei Monate ausfallen.

Wie schaut das bei den Jungen aus?
Auch das hat sich einiges verändert, keine Frage. In diesem Alter ist der Leidensdruck noch nicht so groß, dass man sich zur Kur begibt. Aber in unsere Ambulanzen kommen sie schon, immerhin. Was man aber jetzt häufiger beobachten kann ist die Zunahme der älteren Patienten, aber das wird gerne totgeschwiegen (siehe auch „Wenn Opa/Oma zu viel trinken“). Da herrscht oft ein großer Fatalismus, so nach dem KunstraumMotto, in dem Alter ist es eh schon egal, der hat ohnehin nichts mehr von Leben. Es gibt auch kaum mehr Leute, die nur ein Alkoholproblem haben. Die Jungen haben alle Cannabis dabei, bei den Erwachsenen verzeichnen wir einen starken Zuwachs bei der Spielsucht. Die Türken zum Beispiel. Die sind oft arbeitslos, nehmen Drogen und spielen. Und was sich ebenfalls sehr verändert hat: Nachdem die Medikamentensucht stark zurückgegangen ist, so hat sie seit ungefähr fünf Jahren wieder stark zugenommen. Ich habe viele Jahre hier nicht einen Medikamentensüchtigen gesehen, und jetzt gibt es – vor allem bei den Frauen – fast niemanden mehr, der auch auf diesem Gebiet süchtig ist. Aber zum Glück sind die Medikamente nicht mehr solche Hämmer wie sie früher einmal waren.

Sachbuchautor Reinhard HallerGlauben Sie, dass in Österreich genug geschieht auf dem Gebiet der Suchtbehandlung?
Man müsste bei uns sicher viel mehr Tageskliniken und Ambulanzen anbieten, aber bei uns wird leider eher ab- als ausgebaut. Was die Prävention betrifft, die bieten wir schon seit vielen Jahren an, aber österreichweit gibt es viel zu wenig davon. Die Mitarbeiter unserer Suchtprävention „Supro“ in Götzis gehen in Schulen, arbeiten mit den Elternvereinen zusammen, die machen viel im Internet.

Sie behandeln auch Drogensüchtige. Was hat sich hier verändert?
Cannabis stagniert auf einem sehr hohen Niveau, Heroin ist völlig out undKrankenhaus Maria Ebene im Winter gilt als Loserdroge und Kokain ist mittlerweile fast zu einer Volksdroge geworden. Der heutige Süchtige will kein Außenseiter mehr sein. Der macht, solange er kann, alles mit, arbeitet, bringt seine Leistung und dröhnt sich dann am Abend oder an den Wochenenden zu. Da hat sich viel geändert und es kommen immer neue Substanzen dazu. Da muss man sehr flexibel sein. Deshalb legen wir großen Wert auf Qualität, sowohl bei der Behandlung von Alkohol- als auch von Drogensüchtigen.

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Web-Adresse: www.mariaebene.at

Fotos: Thomas Frohnwieser (8), Stiftung Maria Ebene (2) Logo: Stiftung Maria Ebene (1)