Der Wiener Mediziner Dr. Gerald Pail im Interview:

„Mehr Therapieplätze für AlkoholpatientInnen!“

von Harald Frohnwieser

„Bring Freud ins Leben!“ steht doppeldeutig auf seiner Visitenkarte und auf seiner Homepage. Ein Motto, das dem angehenden Wiener Psychiater Dr. Gerald Pail sehr wichtig ist. Doch noch etwas liegt dem engagierten Mediziner sehr am Herzen – eine weitaus bessere therapeutische Versorgung alkoholkranker PatientInnen in Österreich als sie jetzt der Fall ist. In einem Kommentar für das vom Pharmakonzern Lundbeck gesponserten Magazin „innenwelt“ macht Pail auf die gravierenden Folgen aufmerksam und fordert einen adäquaten Zugang zu psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung und eine Investition in neue, innovative Therapieoptionen. „Alk-Info“ bat den Experten zu einem ausführlichen Gespräch.

„Alk-Info“: Herr Dr. Pail, in Österreich gibt es für Alkoholkranke viel zu wenig Therapieplätze. Wie kann man das ändern?
Dr. Gerald Pail: Ich kann Ihnen leider keinen Geheimtipp geben. Man kann nur darauf hinarbeiten, dass Alkoholismus zu einem Thema wird. Wenn man bedenkt, dass es in Österreich etwa 330.000 Alkoholabhängige gibt und mehr als doppelt so viele, die einen schädlichen Gebrauch von Alkohol haben, dann ergibt das eine Million Menschen. Das Anton-Proksch-Institut in Kalksburg in Wien ist die größte Suchtklinik Europas und hat etwa – nicht nur für AlkoholpatientInnen alleine - 300 Betten. Da frage ich mich schon, ob das ausreicht.

Dr. Gerald PailOffensichtlich reicht das nicht aus. Sonst wären die Wartezeiten nicht so lange.
Eben. Deshalb kann ich nur darauf hoffen, dass das politisch registriert wird und dass es ein Engagement gibt, das zu ändern. Vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (HVB) gibt es ein neues Strategiepapier zur psychischen Gesundheit, wo es eine ganz klare Deklaration gibt, sich hier mehr zu engagieren. Der Präsident des des HVB auch in Aussicht gestellt, dass zusätzlich 100 Millionen Euro pro Jahr für Psychotherapie bereitgestellt werden. Das ist immerhin ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Sie schreiben in Ihrem Kommentar auch, dass eine mangelnde Versorgung hohe Kosten verursacht.
Es gibt hier mehrere Ebenen. Da sind zunächst einmal die hohen Medikamentenkosten der Folgerkrankungen, die PatientInnen benötigen, wenn sie keine zufriedenstellende Therapie bekommen. Die zahlreichen stationären Aufenthalte in den Spitälern wegen diverser Folgeerkrankungen, zum Beispiel einer Erkrankung der Leber, des Magens, des Herzens oder des Gehirns und die vielen Stürze und Unfälle, die aufgrund einer Alkoholisierung passieren. Abgesehen davon gilt es noch die hohen Kosten aufgrund von Arbeitsausfällen und Frühpensionierungen zu beachten. Die haben aufgrund der psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Woran krankt die jetzige Versorgung?
Ich habe das Gefühl, das die Patienten nur für ein paar Tage aufgenommen und aufs Gröbste versorgt werden. Das ist einfach nicht ausreichend und hat wenig Effekt. Das hilft den PatientInnen nicht wirklich auf struktureller Ebene. Ich glaube daher, dass es letztlich keine andere Lösung geben wird, als dass man mehr in die psychische Gesundheit investiert und zwar nicht nur in die Prävention sondern auch in die Therapie. Man würde dadurch – nach einer gewissen Zeit, in der man investiert – sehr viel einsparen können. Man benötigt dazu vielleicht einige Jahre, aber dann würde es sich rechnen.

Apropos rechnen. Sie schreiben auch, dass die Ambulanz in Kalksburg, die 2012 ihr Angebot massiv einschränken musste, nur € 32,87 pro Quartal für einen Patienten erstattet bekommt. Das ist erschreckend wenig.
Stimmt, für sämtliche ärztliche und nicht ärztliche Leistungen ausgenommen der Psychotherapie. Das ist die Zahl, die ich in Erfahrung gebracht habe und die auch in anderen Medien genannt wurde. Aber man kann in Psychiatrie und in der psychotherapeutischen Medizin den Menschen nicht herausrechnen. Es braucht den Kontakt, das Gespräch mit den Menschen, das kann man nicht wegrationalisieren. Es gibt leider die Auffassung, dass man in kürzester Zeit sehr viele Patienten behandeln kann, aber ich sehe das anders. Es gibt ja auch viele PatientInnen, die noch mitten in der Abhängigkeit stecken und daher eine intensive Betreuung brauchen. Und das ist bei einer Erstattung von 32,87 Euro kaum finanzierbar.

Wohin sollen die PatientInnen aber ausweichen?
Viele sind vor allem in Wien darauf angewiesen, dass sich Allgemein Mediziner um sie annehmen, die aber dafür notwendigerweise nicht ausgebildet sind. Da braucht es eine Neuorientierung. Die Schweizer zum Beispiel haben eine wesentlich bessere psychiatrische Versorgung während wir in Österreich abgeschlagen dastehen. Ich glaube nicht, dass das adäquat ist für eine Stadt wie Wien, die für die Psychotherapie weltberühmt ist.

Dr. Gerald PailPsychische Erkrankungen werden in den kommenden Jahren noch mehr zunehmen. Woran liegt das?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Distanz eher zunimmt. Vor allem Kinder finden sich in Lebenssituationen wieder, wo ihre Gefühle nicht wirklich aufgefangen werden. Leistung wird in diversen Lebensbereichen sehr hoch bewertet. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob die psychischen Erkrankungen so stark zunehmen, ich denke sie werden nur stärker wahrgenommen. Diese werden mehr thematisiert, die Menschen trauen sich mehr, dazu zu stehen. Früher hat man - wenn es einem nicht gut gegangen ist - Kopfschmerzen oder Rückenprobleme gehabt. Natürlich spielt auch der Bildungsgrad eine Rolle. Es ist leichter zu sagen, dass ich ein Burnout habe, als dass ich psychisch krank bin.

Aber Alkoholismus ist immer noch ein Tabu. Und wie können PatientInnen einen adäquaten Therapieplatz finden?
Damit sind viele überfordert, auch die Arbeitgeber. Da stellt sich dann die Frage, trinkt er/sie weiter am Arbeitsplatz, ist er oder sie überhaupt motiviert, mit dem Trinken aufzuhören. Ich bin im Gegenfach Innere Medizin, arbeite auch bei einem Facharzt als Assistent in der Supervision. Dort sehe ich oft Patienten mit einer Alkoholabhängigkeit. Denen empfehle ich, sich zu engagieren, um einen Therapieplatz zu bekommen. Ich erkläre ihnen auch, was die Krankheit anrichten kann, nicht nur bezüglich der körperlichen Gesundheit sondern auch im sozialen Umfeld, in der Familie, in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz. Es ist einfach so, dass jemand, der regelmäßig in der Institution anruft und sagt, dass er dringend einen Therapieplatz braucht, eher eine Chance hat aufgenommen zu werden.

Und wenn er dennoch keinen bekommt?
Ich sage den PatientInnen auch immer, dass es sich auch auszahlt, eine Therapie selbst zu finanzieren, vor allem in der Anfangsphase. Ich weiß von meinen PatientInnen, dass eine Alkoholabhängigkeit Kosten in der Höhe von 200,- bis 600,- Euro im Monat verursacht, je nachdem, ob man zu Hause oder in Bars trinkt.

Wie läuft eine Therapie in einer Privatordination ab?
Zunächst einmal muss man den Patienten kennenlernen. Nicht nur im Fokus auf die Suchterkrankung, sondern als gesamten Menschen. Es geht vor allem darum, ob Begleit- oder zu Grunde liegende Erkrankungen vorhanden sind. Oft ist eine Bipolare Störung präsent, die nicht wahrgenommen wurde, die unter der Alkoholabhängigkeit verschüttet wurde. Oder es gibt eine Borderline-Erkrankung oder eine narzisstische Störung oder auch eine depressive Entwicklung. Bei Frauen sind auch Traumatisierungen häufig, vor allem in der Kindheit oder im Jugendalter. Dabei handelt es sich meistens um sexuellen Missbrauch und/oder Gewalt. In diesem Zusammenhang sollte auch Vernachlässigung in der Kindheit erwähnt werden. Kinder, die alleine gelassen wurden und nicht fähig sind, eine Beziehung aufzubauen, sind später in großer Gefahr, da die Strukturen fehlen, um mit anderen Menschen sinnvoll in Kontakt zu treten. Diese Menschen können nicht sagen, dass sie Hilfe brauchen, das haben sie nie gelernt.

Kommt seelische Verwahrlosung heute öfter vor als früher?
Das würde ich nicht sagen, ich glaube, dass das auch früher so war. Da wurden Kinder oft nur als Arbeitskraft gesehen, vor allem im ländlichen Raum. Damals hat es oft große Härten Kindern gegenüber gegeben.

Wie geht es nach der Diagnose in der Therapie weiter?
Da muss man sich anschauen, wo der Patient/die Patientin in der Alkoholabhängigkeit steht. Da gibt es zwei große Richtungen und die zentrale Frage ist: gibt es eine körperliche Abhängigkeit? Wenn ja, dann ist ein Entzug unausweichlich. Wenn es die noch nicht gibt, könnte man sich überlegen, eine Reduktion des Alkohols zu planen. Dabei ist es sehr sinnvoll, dass der Patient 14 Tage lang nichts trinkt um zu schauen, wo er/sie steht. Kommt Angst auf, gibt es Aggressionen, hat er/sie wirklich keine körperlichen Entzugserscheinungen? Den schädlichen Gebrauch von der körperlichen Abhängigkeit zu trennen muss man aufgeben. Das ist nach neuesten Erkenntnissen nur noch eine Erkrankung und nicht mehr zwei, wie man früher gedacht hat. Es gibt einfach eine Früh-, eine Mittlere- und eine Spätphase der Erkrankung.

Für wen ist eine Reduktion sinnvoll?
Diese ist vor allem für PatientInnen sinnvoll, die körperlich noch nicht abhängig sind, die sich also im frühen Stadium befinden und die sagen, dass sie sich eine Abstinenz nicht vorstellen können. Man muss bedenken, dass das reine Abstinenzkonzept dazu geführt hat, dass 90 Prozent der PatientInnen keine Behandlung wollen. Da stellt sich die Frage, ob man den Menschen nicht die Türe zugemacht hat, indem man sagt, wenn du nicht bereit bist, nie mehr zu trinken, dann brauchst du gar nicht mehr zu kommen. Wenn jemand körperlich abhängig ist, ist das Ziel natürlich die völlige Abstinenz. Auf der anderen Seite muss man aber sagen, dass es Patienten gibt, die zwar eine schwere Abhängigkeit haben, die eine Abstinenz aber nicht schaffen. Denen ist sicherlich geholfen, wenn sie eine Reduktion leben.

Es soll demnächst ein neues Medikament auf den Markt kommen, dass den Suchtdruck nimmt.
Stimmt, das kann bei Bedarf genommen werden. Das wird aber nur jenen empfohlen, die noch nicht körperlich abhängig sind und die sich eine Abstinenz nicht vorstellen können.

Ist das Medikament auch für jene Menschen gedacht, die schon seit vielen Jahren abstinent leben und dann wieder normal trinken könnten?
Wenn es jemand geschafft hat, viele Jahre lang abstinent zu leben, dem würde ich sicherlich davon abraten. Dafür ist das neue Medikament nicht gedacht. Es ist für jene entwickelt worden, die sich in einem frühen Stadium befinden und ihren Risikokonsum minimieren möchten. Man darf nicht vergessen, dass eine Alkoholabhängigkeit die Lebenserwartung im Schnitt um 20 Jahre verkürzt. Eine erfolgreiche Abstinenz aufzugeben ist daher sicherlich nicht angezeigt.

Dr. Gerald Pail ist in Wien als Assistenzarzt in Psychiatrie, Psychotherapeutischer Medizin, und als Coach/Consultant tätig.
Web-Adresse: www.geraldpail.net / Facebook: www.facebook.com/DrGeraldPail

Fotos: Harald Frohnwieser (2)