Alkohol in der Pubertät
Wer früher trinkt, wird schneller süchtig

von Harald Frohnwieser

Dass die Pubertät nicht immer leicht zu bewältigen ist, davon können viele Eltern ein Lied singen. Abnabelung vom Elternhaus, immer weniger Bock auf die Schule und Auseinandersetzungen mit (bisherigen) Autoritätspersonen stehen oft auf der Tagesordnung. Klar, dass die Kinder, die auf dem Sprung zum Erwachsenwerden sind, ihre Grenzen ausloten wollen. Dazu gehört auch der Konsum von Alkohol. Eine Studie des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Deutschland hat nun festgestellt, dass Kinder, die während der Pubertät zur Flasche greifen, ein höheres Risiko haben, daran hängen zu bleiben als Jugendliche, die ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol erst nach Abschluss der Pubertät machen.

„Die meisten Teenager trinken das erste Mal Alkohol während der Pubertät“, stellt Studienleiterin Miriam Schneider fest. In der Regel liegt der Beginn der Geschlechtsreife bei zwölf bis 14 Jahren, aber: „Das verschiebt sich mittlerweile immer mehr nach vorne“, so der Pharmakologe Rainer Spanagel. Und weiter: „Das Belohnungssystem des Gehirns verändert sich während dieser Lebensphase sehr stark. Das Gehirn ist während der Pubertät anfälliger für Belohnungen, die von Suchtstoffen geliefert werden.“ Und genau diese frühen Erfahrungen sind es, die weitreichende Auswirkungen auf den Alkoholkonsum im weiteren Leben haben.
Ihre Erkenntnisse gewannen Mannheimer Forscher aus Langzeitstudien an 283 jungen Erwachsenen, deren Alkoholkonsum genau erforscht wurde. Zudem gab es Untersuchungen an Ratten. Den Untersuchungen zeigt auch auf, dass das Risiko, an Alkoholismus zu erkranken, geringer ist, wenn Jugendliche erst nach Abschluss der Pubertät erste Erfahrungen mit dem Alkohol machen. Erstaunlich ist auch, dass das Risiko, abhängig zu werden, geringer ist, wenn man vor, aber nicht während der Pubertät Alkohol trinkt. Bis jetzt galt, dass die Folgen schlimmer seien, je früher der Alkoholkonsum beginne. Jetzt scheint festzustehen, dass die Entwicklungsphasen eine große Rolle dabei spielen, ob man als Erwachsener vom Alkohol abhängig wird oder nicht.
Negativer Einfluss von Stress
Was den Forschern noch auffiel ist die Stressbelastung während der Pubertät. Hier das Untersuchungsergebnis im Wortlauf: „Stress ist ein wichtiger Verwundbarkeitsfaktor für verschiedene neuropsychiatrische Erkrankungen, wie z.B. Alkoholismus. Da Suchterkrankungen oftmals in der Pubertät ihren Ursprung haben, ist es von größter Wichtigkeit den negativen Einfluss von Stress während der Entwicklung besser zu verstehen. Es ist bekannt dass Jugendliche eine andere Stressreaktivität zeigen als Erwachsene, jedoch sind die genauen Mechanismen unklar.“
Die Forschungen an diesem Thema sind freilich noch nicht abgeschlossen. „Wir müssen uns auf alle Fälle noch weiter mit dieser Thematik befassen“, so Miriam Schneider. Sie fordert auch, dass Präventionsprogramme gezielter auf Teenager in der Pubertätsphase zugeschnitten werden müssten.
Komasaufen nimmt wieder zu
Das wird auch dringend nötig sein. Erst vor Kurzem hat das Statistische Bundesamt in Deutschland festgestellt, dass Alkohol-Exzesse von Kinder und Jugendliche wieder häufiger mit einer Einlieferung im Krankenhaus enden. So mussten im Jahr 2011 26.349 Jungen und Mädchen im Alter von zehn bis 19 Jahren nach einem Saufgelage im Spital behandelt werden. Das waren 354 mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl jener Kinder, die sich ins Koma saufen, nimmt – bezogen auf 100.000 Einwohner - seit dem Jahr 2000 ständig zu. Wobei das Geschlecht eine große Rolle spielt: fast zwei Drittel der Koma-Patienten sind Buben oder junge Männer. Bei den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren stagniert der regelmäßige Alkoholkonsum seit dem Jahr 2001 und liegt bei 40 Prozent.
Was können Eltern tun, wenn Ihre Kinder zum Alkohol greifen? Auf der Website www.kenn-dein-limit.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) findet man ein paar gute Tipps für ein zielführendes Gespräch mit der Tochter oder dem Sohn:

1.) Nehmen Sie Ihr Kind immer ernst. Auch wenn Ihnen das, was Ihr Kind zurzeit beschäftigt, eher „unwichtig“ erscheint.

2.) Nehmen Sie sich Zeit, wenn Ihr Kind das Gespräch mit Ihnen sucht. Häufig ziehen sich Jugendliche in diesem Alter zurück, weil sie das Gefühl haben, Erwachsene hätten keine Zeit für sie und würden ja doch nur an ihnen „rummeckern“.

3.) Der Freundeskreis spielt im Leben Ihres Kindes eine bedeutende Rolle. Trotzdem wirkt der Einfluss der Eltern immer noch fort. Deshalb ist es wichtig, dass Sie bezüglich Ihres eigenen Trinkverhaltens ehrlich und glaubwürdig sind.

4.) Achten Sie darauf, dass es in gemeinsamen Gesprächen nicht nur um Kritik und Verbote geht. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie es lieben, so wie es ist und Sie sich Sorgen machen, weil es Ihnen wichtig ist.

5.) Sehen Sie nicht darüber hinweg, wenn Ihr Kind angetrunken oder sogar betrunken nach Hause kommt oder wenn Sie den Eindruck haben, in der Clique Ihres Kindes wird viel getrunken. Reden Sie darüber offen und ehrlich.

Dem ist nichts hinzuzufügen.