Wenn Kinder vom Alkohol kosten dürfen:
Frühes Nippen ist gefährlich

von Harald Frohnwieser

Ein kleiner Schluck Sekt zu Silvester, den Schaum von Opas Bier weg trinken oder ein kleiner Schluck Wein mit viel Wasser zu Mamas Geburtstag: Immer wieder wird Kindern von ihren Eltern erlaubt, Alkohol in kleinen Frühes Nippen von Alkohol ist für Kinder gefährlichMengen zu probieren. Mit oft fatalen Folgen. Wie eine neue Studie aus den USA beweist, beginnen Kinder, die schon mit elf Jahren oder noch früher Alkohol verkosten dürfen, in der Pubertät früher Alkohol zu trinken als Kinder, die in diesem Alter noch nicht an alkoholischen Getränken nippen durften.

Die Langzeit-Studie mit 561 Schülern aus dem US-Bundesstaat Rhode-Island lief über drei Jahre lang. Im Zuge der Befragung gaben 30 Prozent der Elfjährigen an, dass sie schon einmal Alkohol getrunken haben, sei es bei einer Geburtstagsparty, bei Opas rundem Geburtstag oder bei anderen besonderen Anlässen. Den Alkohol bekamen die Kinder in den meisten Fällen von ihren Eltern bereit gestellt. Drei Jahre später gaben 26 Prozent der mittlerweile 14-Jährigen, die bereits am Alkohol nippen durften, an, dass sie schon mindestens einmal ein ganzes Glas mit alkoholischen Getränken konsumiert haben. Zudem waren neuen Prozent der sogenannten Probier-Kinder schon einmal richtigWissenschaftlerin Kristina Jackson betrunken, bei ihren Altersgenossen, die als Elfjährige noch keinen Alkohol trinken durften, waren es lediglich zwei Prozent.
Nicht wenige Eltern glauben, dass Kinder, die zu Hause unter Aufsicht der Eltern schon früh Alkohol trinken dürfen, lernen, später verantwortungsvoll mit dem Alkohol umzugehen, da der Reiz des Verbotenen nicht vorhanden ist. „Unsere Studie beweist das Gegenteil“, sagt die Wissenschaftlerin Kristina Jackson von der Brown University in Providence, Rhode Island. Jackson weiß natürlich, dass auch andere Faktoren, wie etwa der Alkoholkonsum der Eltern oder das Ausprobieren von Risiken dazu beitragen, dass Jugendliche zum Alkohol greifen, aber der Zusammenhang zwischen dem Nippen an alkoholischen Getränken in der Kindheit und dem späteren riskanten Trinkverhalten ist für sie unübersehbar.
Der erste Alkohol kommt meist von den Eltern
Die Studien-Autorin vermutet, dass ein frühes Nippen in Kindern eine gemischte Nachricht übermitteln: „In diesem Alter können manche Kinder eine Schwierigkeit damit haben, den Unterschied zwischen einem kleinen Schluck Wein und einer ganzen Flasche Bier zu verstehen.“ Nachsatz: „Wir wollen gar nicht versuchen, zu sagen, ob es in Ordnung ist oder nicht, wenn Eltern das erlauben.“ Müssen Eltern, die ihre Kinder bereits Alkohol kosten ließen, jetzt in Panik verfallen? „Wir sagen nicht, dass ein Kind deshalb dem Untergang geweiht ist“, versucht Jackson zu beruhigen. Aber: Die Ergebnisse der Studie untermauern, wie wichtig es ist, mit Kindern klar über die Gefahren von Alkohol zu reden, so Kristina Jackson, die in ihrer Arbeit auch feststellen konnte, dass die meisten Kinder den ersten Alkohol in Form von Bier, Wein oder Sekt, von ihren Vätern oder Müttern bekamen.
Verhalten der Eltern ist enorm wichtig
Schon einige Monate vor der US-Studie kamen australische Forscher zu einem ähnlichen Ergebnis. Das „National Drug and Alcohol Research Centre“ an der Universität New South Wales in Sydney untersuchte das Trinkverhalten von 2000 Teenagern und fand heraus, dass einer von sechs Jungen oder Mädchen bereits vor dem 13. Lebensjahr von den Eltern Alkohol zum Probieren bekam. Mit 16 tranken diese Jugendliche bereits dreimal so viel wie jene, die keinen Alkohol zu Hause bekamen. Studienleiter Richard Mattick sagte in einem Interview mit einer australischen Zeitung, dass viele Eltern Professor Richard Mattickwollen, dass ihre Kinder zu Hause, also in einer sicheren Umgebung, ihre ersten Erfahrungen mit dem Alkohol machen sollen um später moderat mit der legalen Droge umzugehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Das Verhalten der Eltern hat meinen Forschungsergebnissen zufolge einen größeren Einfluss auf das spätere Trinkverhalten der Kinder als familiäre Umstände, individuelle, psychologische Risikofaktoren oder Gleichaltrige“, kommt Mattick auf den Punkt.
Alkohol sollte für Kinder kein Thema sein
Auch der ärztliche Leiter vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, Professor Dr. med. Rainer Thomasius, sieht im frühen Nippen eine Gefahr dafür, dass aus den Kindern später Komasäufer oder alkoholkranke Erwachsene werden. In der „Bild“-Zeitung antwortet er auf die Frage, ob es ungefährlich sei, Kindern bei besonderen Anlässen das Trinken von Alkohol zu erlauben: „Bei Kindern, die jünger als 14 sind: nein. Eltern sollten ganz klare Grenzen setzen, wenn es um Alkohol geht. Studien zeigen: Je später Kinder das erste Mal Alkohol trinken, desto weniger trinken sie im Laufe ihres Lebens. Die Suchtgefahr sinkt.“ Thomasius rät auch davon ab, Kindern Malzbier oder alkoholfreien Sekt zu geben: „Alkohol soll für Kinder grundsätzlich kein Thema sein. Dazu gehören auch Getränke, die den Anschein haben, alkoholisch zu sein“, so der Suchtexperte zu „Bild“.
Einstiegsalter unter 16 ist gefährlich
Das deutsche Bundesgesundheitsministerium rät in einer Broschüre zum Thema Alkoholkonsum im Kindes- und Jugendalter ebenfalls davon ab, Kinder Alkohol probieren zu lassen. Ein früher Beginn, auch von Probierkonsum, steht in einem Zusammenhang mit einem problematischen Trinkverhalten in der Jugendzeit und dem Erwachsenenalter, heißt es. Und wenige Zeilen später steht: „Besonders gefährdet sind Kinder, die ihren ersten Probierkonsum mit zwölf Jahren oder jünger erleben… Das Risiko für starkes Trinken war bei Männern und Frauen am höchsten, wenn das Einstiegsalter unter 16 Jahren lag.“
Auf ihrer Homepage www.praevention.at gibt das Institut für Suchtprävention von Pro Mente Oberösterreich ein paar Tipps, wie man Kinder vor der Gefahr, später alkoholkrank zu werden, schützen kann:

* Erwachsene sollen Kinder nie zum Trinken auffordern! Kinder sind zu jung, Alkohol ist für sie bereits in geringen Maßen schädlich. Außerdem mögen Kinder in der Regel den Geschmack von Alkohol gar nicht. Es ist nicht Aufgabe der Erwachsenen, sie darauf zu bringen.

* Sie trinken selbst Alkohol? Das hindert Sie nicht daran, Ihrem Kind und sich selbst Grenzen zu setzen, um ihm Vorbild zu sein. Erklären Sie Ihrem Kind, dass Alkohol innerhalb unserer Kultur vor allem ein Genussmittel ist. Trinken Sie maßvoll und vermeiden Sie Alkohol in bestimmten Situationen (z.B. Autofahren, gedrückte Stimmung).

* Lassen Sie nach einem Fest keine halbvollen Gläser oder Flaschen herumstehen. Ihr Kind könnte davon probieren und körperliche Schäden davontragen.

* Verbote sollten immer erklärt werden – etwa damit, dass derKörper des Kindes Alkohol noch nicht verarbeiten kann.

Oft wird Kindern mit den Worten „Jetzt bis du schon groß genug, um einen Schluck Wein zu kosten“ Alkohol erlaubt. Doch das kann böse Folgen haben – die Kinder haben so das Gefühl, bereits erwachsen zu sein. Und Erwachsensein und Alkohol gehört doch irgendwie zusammen, glauben viele. Wenn ein Kind aber das Gefühl bekommt, von seinen Eltern ernst genommen zu werden, braucht es später im Jugendalter keinen Alkohol, um sich „groß“ vorzukommen. Es ist es auch so, ganz ohne Bier, Wein, Sekt oder Wodka.

Fotos: Brown University (1), National Drug & Alcohol Research Centre (1) Grafik: Thomas Frohnwieser (1)