Alkoholsucht und Zeitgeist
Wenn Eltern ihre Kinder überfüttern

von Dr. Martha Flaschka

Eltern überfüttern heute Kinder mit Waren aller Art als Ersatz für echte emotionale Zuwendung. Oft aus realer Hilflosigkeit, Schuldgefühlen und Zeitmangel aber auch latenter Aggression, die sich bis zum Hass steigern kann. Kinder werden zunehmend auch als narzisstische Erweiterung der eigenen Person missbraucht, dass die Bedürfnisse des Erwachsenen befriedigen soll. Die Eltern selbst haben sich nicht abgenabelt, sind überfordert. Affektive Wechselbäder und ein Abgleiten in die Sucht, der meist eine Beziehungsstörung zugrunde liegt, sind für solche Kinder nicht selten die Folgen.

Die mangelnde Einstellung der Eltern auf kindliche Bedürfnisse soll durch Konsum kompensiert werden. Wenn Sucht als die „zwanghafte Unwiderstehlichkeit“, hemmungslose unbezwingbare Gier einen bestimmten Stoff einzunehmen …unter bewusster oder unbewusster Einbeziehung seiner schädlichen Folgen“ beschrieben wird, so ist den Betroffenen mit dem Hinweis auf die gesellschaftliche Bedingtheit des Leidens (Ess- und Naschsucht, Spielsucht, Kaufsucht, Drogen, Alkohol…) dennoch nicht geholfen.
Jeder Sucht liegt eine Beziehungsstörung zugrunde.
Die Persönlichkeit des Süchtigen
Illegale Drogen sind gesellschaftlich geächtet und krankhaft. Alkoholkonsum ist für uns und die Umwelt alltäglich. In Fachkreisen wird bei der Persönlichkeit des Süchtigen von drei unterschiedlichen Psychoanalytische Modellen gesprochen:

1. Konfliktmodell: Der Suchtmittelgebrauch ist ein Versuch einen Triebkonflikt zu lösen Rauschgifte erzeugen nicht nur Lust, sondern bekämpfen und verhüten wegen ihrer hypnotischen, sedativen und narkotischen Wirkung auch Unlust. Hat hier das Trinken seinen Ursprung in einer Genussunfähigkeit des Kranken?

2. Strukturmodell: Das Suchtmittel hilft einem unterentwickelten ICH bei einem Selbstheilungsversuch bei gestörter Affektivität, mangelnder Impulskontrolle und verminderter Realitätsanpassung.
Durch das Spiegelverhalten der Bezugsperson werden die Emotionen des Kindes nicht nur verstärkt und konturiert, sondern erst wirklich als existent und real empfunden. Später wird es dem Kind dann möglich, die erlebten Gefühle als zu sich selbst gehörend zu empfinden.
Zentrale Funktionen des ICH sind eben die Differenzierung und Bewältigung von Affekten, die Affekt- und Impulskontrolle und die Realitätsprüfung. Was bedeutet eine Situation und welche Konsequenzen hat eigenes und fremdes Handeln?

3. Objektanalytisches Modell: Das Suchmittel als Ersatz für den selbstdestruktiven Prozess bzw. Wiederholung einer frühkindlichen Beziehung.
Als „synthetisierte Form“ des Abwehrmechanismus, also ein Schutz gegen starke, bedrohliche Gefühle, wie Angst, Wut, Hilflosigkeit. Als Hemmungslöser um Agieren zu können - auch sexuell. Bei drohender Hoffnungslosigkeit und Abhängigkeitswünschen bei depressiven Klient/innen, auch ein Schutz gegen die Angst bei der Gefahr einer ICH-Desintegration. Die Abwehrmechanismen sind Hilfe bei neurotischen, psychotischen Symptomen und vordergründige Quelle von Trost, Anerkennung.

Welche Beziehungsstruktur der Suchtkranke hat, zeigt das Psychodynamische Modell. Nach dem US-Psychologen Howard Blane unterscheiden sich drei Abhängigkeitstypen:

1. Der direkte, offene Typ, der sich versorgen lassen will. Das Erscheinungsbild ist passiv-feminin, angepasst, unterwürfig, fügsam, brav. Eher depressives, nach innen gerichtetes, autodestruktives Verhalten. Die Grundstimmung ist eine weinerliche Wertlosigkeit und Minderwertigkeitsgefühle.

2. Der gegenabhängige Typ, der sich betont männlich-aggressiv gibt, denn seine übermächtigen Abhängigkeitswünsche muss er leugnen. Er hat einen aktiven Lebensstil, Ruhe und Inaktivität sind unerträglich. Lehnt sich gegen Ordnung und Regeln auf und übernimmt in bedrohlichen Situationen die Führung. Zeigt ein nach außen gerichtetes Verhalten. Ablehnung und Wut wird bei anderen provoziert mit Wiederholungszwang, weil die eigenen Wünsche nach Versorgung dadurch erneut frustriert werden. Kompensatorische Omnipotenzphantasien führen zu peinlicher Angeberei in Beziehungen und bei Erlebnissen.

3. Der ambivalente-fluktuierende Typ, der je nach Lebenssituation zwischen den Extremen pendelt, gegenabhängig bis zum Zusammenbruch, dann wieder abhängig. Die Konflikte sind offener und ausgeprägter sichtbar. Jeder Alkoholkranke hat verdrängte Aggressionen und Wut, die der Frustrierung der Abhängigkeitswünschen entspringen.

Die Familie des Alkoholkranken
In den Familiengeschichten zeigen sich häufig zwei vorherrschende Muttertypen, die entweder das Kind extrem vernachlässigten bzw. sehr streng waren und einen stark frustrierenden Erziehungsstil hatten, in dem sie das Kind offen ablehnten, zurückwiesen, sich kühl-distanziert verhielten. Oder das Gegenteil - es übermäßig verwöhnten, übertrieben besorgt waren, sich nachgiebig zeigten, alles gewährend und eine vorzeitig eingreifende Erziehungshaltung hatten.
Dr. phil., Dipl.-Psych. Wolf-Detlef RostDer Vater war als Rollenvorbild nicht anwesend. Entweder weil er woanders lebte, sich in die Arbeit flüchtete, oder schwach, inkompetent, weiblich und passiv war, aber auch wieder das Gegenteil – übermäßig streng bis gleichgültig, brutal und gewalttätig. Er versagt in der Erziehung bei der Ausbildung eines integrierten Über-Ichs und der Einführung des Realitätsprinzips beim Kind durch inkonsequentes, unberechenbares Verhalten.
Beide Elternteile können dem Kind nicht als „ideale Selbst-Objekte“ dienen. Statistisch gesehen, ist bei 50 % der Abhängigen ein Elternteil selbst alkoholkrank, meist der Vater. Aber auch bis in die Großelterngeneration zurückreichende Traumata und Verstrickungen sind auffällig. Schlimme Erlebnisse der Mutter selbst haben z.B. zur die Folge, dass sie nicht in de Lage ist eine minimale Geborgenheit zu vermitteln. Es liegt die „basale Unfähigkeit vor zu leben und zu lieben sowie sich als potentielles Opfer zu fühlen, das sich zum Leben nicht berechtigt fühlt“, sagt der deutsche Psychoanalytiker Wolf-Detlef Rost.

Wie erwähnt ist es wichtig schon in der Kindheit zu lernen

- seine Affekte zu regulieren, sich selbst zu beruhigen und

- sich gegen andere abzugrenzen.

Für die Entwicklung ist es also wichtig, ein stützendes, verlässliches, stabiles und schützendes mütterliches Objekt oder ein primäre Bezugsperson (kann auch der Vater oder die Großmutter sein) internalisieren zu können.
Physisches Empfinden ist gestört
Alkoholkranke und süchtige Menschen sind in einer Persönlichkeitsdimension gestört, deren Entfaltung einer bestimmten kindlichen Entwicklungsphase zuzuordnen ist. Es entsteht an dieser Stelle ein „Fixierungspunkt“, ein schwacher, labiler Bereich, der zunächst überdeckt werden und in in einer Krise jedoch wieder regressiv besetzt werden kann. Eine manifeste Störung bildet sich aus, die als psychische Disposition zu verstehen ist, ähnlich einer körperlichen Anfälligkeit, die ja im Falle einer Überlastung ebenfalls zur Erkrankung des entsprechenden Organs führen kann. Weil das physische Empfinden insgesamt gestört ist, was sich durch ein fehlendes Körpergefühl und wie schon erwähnt, sich durch die Häufung psychosomatischer Beschwerden ausdrückt.
Der Versuch mit der Mutter (dem Alkohol oder der Droge) eine symbiotische Beziehung einzugehen, in der Schmerz und Leid verhindert werden soll, ist zum Scheitern verurteilt.
„Die Psychotherapie mit Alkohol- und Drogenkranken ist die einzige in der Allgegenwart des Todes“, schreibt der Psychologe und Suchtexperte Manfred Möhl. Und weiter: „Nicht weil die Sucht selbst oft zum Tod führt, auch nüchtern fehlt vielen Suchtkranken scheinbar die Berechtigung zu leben. Sie suchen immer wieder neue Wege zur Selbstzerstörung oder spielen Russisches Roulette.“
Verlassenheitsängste und Traumata
Tiefenpsychologisch gesehen geht es bei der Sucht nicht um den angeborenen Todestrieb sondern die wiederholte Erfahrung von Objektverlusten, extreme Verlassenheitsängste und Traumata. In vergeblichen Bewältigungsversuchen werden diese Erfahrungen im Wiederholungszwang immer wieder aufgesucht, in neuer Form re-inszeniert mit dem Ziel sie doch noch zu bewältigen. Die frühen „tödlichen Enttäuschungen“ sind „Kostproben des Sterbens“, so Manfred Möhl.
In der Therapie ist die narzisstische Übertragung auf den Therapeuten ein Teil des/r Klient/in selbst, der nicht zerstört bzw. zerstört wird, da der Therapeut ein zuverlässiges Objekt ist, das ihn/sie gegen seine/ihre bisherigen Erfahrungen nicht missbraucht und nicht funktionalisiert und durch sein/ihr Agieren nicht zerstören oder erschrecken kann.
Partnerschaft und Sexualität
Beziehungen mit einem alkoholkranken Partner werden oft nur in „institutionalisierter Form“ ausgehalten. Wenn die Mutter besonders lebenslustig, verantwortungslos und nicht vorausschauend war, verkörpert das Kind in dieser Beziehung auch das Über-Ich. Zeigt schon früh eine ernste, traurig Haltung und übernimmt die Schuldgefühle anderer, es ist eine lustfeindliche, freudlose Entwicklung.
Auch an mächtige, kalte, unsensible, aggressiv-sadistische Mütter mit freundlich-altruistischer Fassade bleiben Erwachsene - zeitlebens verhängnisvoll gebunden. Masochistische Phantasien sind ein Versuch sich von der Abhängigkeit frustrierender, dominanter Frauen zu erlösen und um Schuldgefühle zu mindern. Oder die Partnerschaft besteht in einer Form der Gegenabhängigkeit, in dem der Mann eine schwache Frau nimmt, die auf die männliche Fassade „hereinfällt“ , bei ihm Anlehnung und Stütze sucht und enttäuscht wird.
Aber auch der nichtsüchtige Partner kann seinen Wunsch zu trinken an den Kranken delegieren und sich dabei selbst schützen. Das Helfersyndrom stabilisiert die Beziehung. Seeleute, Abenteurer und Soldaten können gar nicht weit genug fliehen, um die idealisiert Mutter nicht aufgeben zu müssen. Alkoholkranke Männer schreiben Frauen zwei Rollen zu. Entweder ist sie Mutter und somit unantastbar, mit dieser Frau eine sexuelle Beziehung einzugehen, würde Inzest bedeuten. Eine reife, partnerbezogene Beziehung ist nicht möglich. Anders bei der oberflächlichen, leicht zu habenden Frau, die nicht die Mutterrolle innehat.
Todes- oder Reifungsweg?
Der Tiefpunkt in der Kapitulation – zugleich die größte Todesnähe – bringt den möglichen Wendepunkt der Entwicklung in dem das falsche SELBST vernichtet wird und impliziert zu gleich die größtmögliche Annäherung an die früher erlebten Traumata und erlaubt die Aufgabe der „Ichheilungsversuche“ und des falschen SELBST. Erst die reale Erfahrung unmittelbarer Todesnähe ermöglicht die Überwindung der existentiellen Angst und der Verlassenheitsgefühle als Triebkraft der Sucht. Wenn der Kranke den Sturz in die Autodestruktivität überlebt, bietet sich die Chance zur „Wiedergeburt“. Und zu einem neuen Leben.

Dr. Martha Flaschka
Psychotherapeutin der Fachsektion Psychodrama, Soziometrie und Rollenspiel Psychologin
Diplom. Sozialarbeiterin
Sozial- und Lebensberatung
Tanzleiterin

Foto: Psychosozial-Verlag (1)