Neues Buch über Alkohol in Lebensmitteln
„Die Gefahr lauert überall…“

von Harald Frohnwieser

Dass in einer Mon-Chéri-Praline Alkohol drin ist, ist wohl jedem klar. Oder dass diverse Essigprodukte Weißwein enthalten können, ist ebenfalls bekannt. Und dass eine Schwarzwälder-Kirsch-Torte selten ohne einen Schuss Schnaps gebacken wird, ist ebenfalls kein Geheimnis. Aber wer hätte gedacht, dass in so manchen Fertiggerichten, Pizzen oder in diversen Suppenwürfeln Alkohol-Aromen enthalten sind, wissen freilich die wenigsten Konsumenten. Doch gerade für einen trockenen Alkoholiker kann eine unfreiwillige Konfrontation mit Alkohol, der in Lebensmitteln versteckt ist, zu einem Rückfall führen. Geschmack und Geruch können das Suchtgedächtnis aktivieren, der Griff zur Flasche ist dann oft unausweichlich.Autor Burkhard Thom Burkhard Thom, ehemaliger Einkaufsleiter eines Versandhandelsunternehmens in Deutschland, ist seit 1992 trockener Alkoholiker und hat nun für sein Buch „Alkohol – Die Gefahr lauert überall!“ diverse Lebensmittelproduzenten um Auskunft gebeten, ob und in welchen in den von ihnen hergestellten Produkten Alkohol enthalten ist. „Alk-Info“ sprach mit dem frischgebackenen Autor, warum ihn dieses Thema beschäftigt.

„Die Idee, ein Buch über Alkohol in Lebensmitteln zu schreiben hatte ich schon kurz nachdem ich trocken wurde, aber als ich 2015 in Pension ging, hat sie sich dann verfestigt“, erzählt Burkhard Thom über die Entstehungsgeschichte seines Buches. Und weiter: „Nach meinem Entzug beschäftigte mich dieses Thema ganz besonders und insbesondere meine Frau machte sich bei jedem Einkauf der Mühe, die Beschreibungen auf der Verpackung besonders gründlich zu studieren.“ Was er mit seinem Werk bezwecken will, ist schnell gesagt: „Ich will verhindern, dass Menschen rückfällig werden.“ Im Frühjahr 2015 hat Thom mit dem Schreiben begonnen, sechs Monate später war er damit fertig. Gleichzeitig schrieb er Lebensmittelproduzenten an, ob und wenn ja in welchen ihrer Produkte Alkohol enthalten ist. „Das war eine sehr aufwendige Arbeit“, blickt er zurück. Dass die meisten Firmen zurückschrieben freut ihn, aber: „Ich war erstaunt, in wie vielen Lebensmitteln Alkohol enthalten ist.“
Alkohol in „Geschnetzeltes Zürcher Art“
So berichtete etwa die Firma Unilever, dass so manche ihrer Maggie-Produkte mit Alkohol-Aromen versehen sind, darunter „Maggie fix&frisch gebratene Nudeln“, „Maggie fix&frisch Geschnetzeltes Zürcher Art“ oder im „Kartoffel Gratin“. Weniger ins Detail ging in ihrem Antwortschreiben die Firma Nestlé (Felix, Mövenpick,Diese Firmen wurden von Burkhard Thom kontaktiert Nesquik u.v.m.): „Wir können Ihnen keine Liste von Nestlé-Produkten ohne Alkohol zur Verfügung stellen. (…) Wir können Ihnen jedoch Informationen geben, wie alkoholhaltige Zutaten in der Zutatenliste deklariert werden: Purer Alkohol muss in der Zutatenliste als „Alkohol“ oder „Ethylalkohol“ oder „Ehanol“ angegeben werden. Meistens wird aber kein purer Alkohol, sondern ein weiterverarbeitetes, alkoholisches Getränk bei der Herstellung von Lebensmitteln verwendet, z.B. Amaretto, Weinbrand, Moccalikör, Rotwein, Weißwein, etc. Auch Essig kann noch geringe Mengen an Alkohol enthalten, insbesondere, wenn es sich um Weinessig handelt. (…) In Trockenprodukten können auch Weinextrakte eingesetzt werden. (…) In unserem Süßwarensortiment wird ausschließlich in der „After eight My Favourites Pralinenmischung“ in der Trüffelpraline und in dem Schokoriegel „Yes“ Alkohol verwendet.“
Jedes zweite Produkt war betroffen
„Eine Firma“, berichtet Burkhard Thom, „hat mir zurückgeschrieben, dass es in ihren Produkten gar keinen Alkohol gibt, als ich dann nach recherchiert habe, hat sich herausgestellt, dass in jedem zweiten Produkt, das diese Firma herstellt, Alkohol enthalten ist.“ Auskunftsfreudiger hingegen war die Firma „Coppenrath und Wiese KG“, die bekannt für ihre Torten ist. „Bei der Herstellung einiger unserer Produkte verwenden wir Alkohol, weil dieser den Geschmack abrundet. Dies wird in aller Regel von unseren Kunden auch gutgeheißen, schließlich sind wir alle ja auch schon damit verwöhnt, leckeren Speisen mit Alkohol eine letzte Verfeinerung zu geben. Dem kann sich unsere Conditorei nicht entziehen.“
Unter den von „Coppenrath und Wiese“ hergestellten Backwaren, die Alkohol enthalten, befinden sich neben diversen „Schwarzwälder-Kirsch-Torten“ u.a. auch eine „Feinste Sahne Himbeer Torte“, eine „Nuss-Sahne-Festtagstorte“ sowie der „Böhmischer Apfel-Kuchen“.
Alkohol in Fertiggerichten, Soßen oder Desserts
Der Autor hat auch die Verbraucherzentrale von Nordrhein-Westfalen, Bereich 4, Ernährung und Umwelt, Gruppe Lebensmittel und Ernährung um eine Stellungnahme gebeten. Hier auszugsweise die Antwort: „Viele Lebensmittel wie Fertiggerichte, Soßen, Desserts und Süßwaren können Alkohol enthalten. Zwar ist deren Alkoholgehalt so gering, dass eine körperliche Wirkung ausgeschlossen werden kann. Aber für alkoholkranke Menschen, die „trocken“ sind, bergen sie doch die Gefahr eines Rückfalls in sich. Wenn Alkoholgeschmack oder -geruch, zum Beispiel Rumaroma, wahrnehmbar sind, dann kann die Verbindung zum Alkoholgenuss wieder hergestellt werden.“
Schon als Lehrling getrunken
Burkhard Thom erzählt in seinem Buch aber auch seine eigene Lebensgeschichte, die viele Jahre lang vom Alkohol geprägt war. Schon als Lehrling trank er regelmäßig, als junger Angestellter war er beruflich viel auf Reisen, und auch da war der Alkohol stets ein Thema, bis er so abhängig wurde, dass auch die Drohungen seiner Frau, sie werde ihn verlassen, wenn er nicht mit dem Trinken aufhört, nichts brachten. Sein Schlüsselerlebnis fürAlkohol – Die Gefahr lauert überall! / Verlag: AAVAA Verlag ihn war im Herbst 1992, als er von einer beruflichen Reise in den Tropen mit einer Blutvergiftung nach Deutschland zurückkam. Der Arzt, der ihn behandelte und den er zuvor noch nie gesehen hatte, bemerkte sofort, dass er alkoholkrank war und gab ihm Tabletten mit den Worten „Bevor Sie wieder Alkohol trinken, nehmen Sie eine davon“ mit auf dem Weg. Als der damalige Einkaufsleiter den Beipacktext las, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken: „Bei gleichzeitiger Einnahme von Alkohol und dem Präparat kann es zum sofortigen Herzstillstand kommen“, stand da zu lesen. Die Tabletten warf er sofort weg.
Thom, dessen Vater ebenfalls Alkoholiker war, fand schließlich Hilfe bei einer Einrichtung der Caritas. „Die Erkenntnis, nie mehr Alkohol zu trinken, kam mir nach und nach“, schreibt er. Als er seine Arbeit aufgrund einer Umstrukturierung verlor, konnte er sich voll auf seinen Entzug, den er zu Hause durchzog, konzentrieren. „Es war ein kalter Entzug, mit allen dazugehörigen Symptomen“, erinnert er sich, „aber das war gut so.“ Mit Hilfe von Medikamenten, die die Entzugsschmerzen betäuben, registriert das Gehirn nicht die wirklichen Ausmaße einer Sucht“, ist er überzeugt.
Kennzeichnungspflicht auf Speisekarten?
Obwohl das alles schon so lange her ist, lässt das Thema Alkohol ihn nicht mehr los. Daher das Buch, das auch mehr als 30 Rezepte ohne Alkohol enthält, die ein Spitzenkoch für den Autor zusammengestellt hat. Ob er dafür wäre, dass es in Restaurants eine Kennzeichnungspflicht für Alkohol auf der Speisekarte gibt? „Selbstverständlich, das ist eine klasse Idee“, antwortet er dem „Alk-Info“-Reporter. Er selbst geht zwar sehr offen mit dem Thema um und sagt der Bedienung im Restaurant sofort, dass er ein trockener Alkoholiker ist und deshalb etwas essen möchte, das keinen Alkohol enthält, aber: „Nicht jeder kann das. Vor allem wenn man mit Geschäftsfreunden essen geht, will man sich nicht zwangsouten.“ Nachsatz: „Wenn es in dieser Richtung eine Kampagne gäbe, würde ich sie sofort unterstützen.“

Alkohol – Die Gefahr lauert überall!
von Burkhard Thom in AAVAA-Verlag
Web-Adresse: www.burkhard-thom.de

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Foto: maria-mueller-fotokunst.de (1) Grafik: Thomas Frohnwieser (1)

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