Online-Kurs, um Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen
Virtuelle Freunde helfen beim Trinkstopp

von Harald Frohnwieser

Ein neuer, kostenloser und vom Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) entwickelter Online-Tool namens „Take Care of You“ soll den Menschen, die zu viel Alkohol trinken und an Depressionen leiden dabei helfen, ihre diesbezüglichen Probleme in den Griff zu bekommen. Virtuelle Freunde unterstützen beim Trinkstopp und agieren dabei völlig wertfrei und ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Zudem nehmen die Teilnehmer, die völlig anonym bleiben, an einer Studie teil. „Alk-Info“ sprach mit dem Fachpsychologen des ISGF, Michael Schaub, der die Studie entwickelt hat. Das Mindestalter für die Teilnahme ist 18 Jahre.

Ansicht der Oberfläche des Selbsthilfe-Tool „Take Care of You“ und seiner ModulschritteNina ist 23, studiert Jus und feiert gerne die eine oder andere Nacht durch. „Na klar fließt da der Alkohol in Strömen aber nur so geht es doch wirklich voll ab“, schreibt sie in ihr virtuelles Tagebuch. Und weiter: „Ich bin viel lockerer und offener wenn Alkohol im Spiel ist.“ Nina weiß auch, wie sie so richtig in eine Party einsteigt: „Am besten wird der Ausgang wenn ich vorher schon mal eine Flasche Wodka für mich alleine trinke. Dann fühle ich mich richtig bereit, mich ins Nachtleben zu stürzen.“ Doch am Morgen danach geht es der jungen Studentin wie allen anderen auch, die mit viel Alkohol gefeiert haben: „Mir wird immer richtig übel und Kopfschmerzen habe ich auch.“
Moritz arbeitet in einer coolen Bar in der City. Der junge Mann liebt seinen Job und bleibt nach Dienstschluss noch oft mit den Stammkunden, die ihm regelmäßig einen Drink spendieren, sitzen. „Durch den Job kenne ich viele Leute und da kann man ja nicht nein sagen, wenn einem etwas angeboten wird“, tippt er in seinen Computer. „Das führt dann halt auch mal dazu, dass ich Mühe habe, am nächsten Tag aufzustehen oder auch mal mit Kopfschmerzen zur Arbeit gehe. Aber die Stammkunden sind mir wichtig und Trinkgeld kriegt man halt nur durch einen guten Austausch mit den Leuten“, schreibt er weiter.
Tina, 36, ist Kindergärtnerin und lebt mit ihrem Freund zusammen. Tina würde gerne heiraten, er aber sträubt sich dagegen, weil er sich noch nicht richtig binden will. Abends weiß die Schweizerin nicht so richtig, was sie anfangen soll. „Ich trinke dann zwei, drei Gläser Wein. Danach fühle ich mich besser, aber das hält nicht wirklich lange an“, bekennt sie. Um ihre Stimmung zu heben, trinkt Tina so lange weiter, bis sie sich besser fühlt. „Am nächsten Tag fällt es mir dann manchmal schwer, mich zu konzentrieren und ich habe das Gefühl, dass ich meine Leistung nicht wirklich gut bringen kann“, gesteht sie ihrem Online-Tagebuch.
Jeder ist selbst verantwortlich
Nina, Moritz und Tina verbindet eines – sie trinken mehr Alkohol als sie eigentlich möchten und stehen als fiktive virtuelle Freunde im 2015 ins Leben gerufenen Online-Kurs des Schweizer Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) all jenen zur Seite, die ihren Alkoholkonsum und ihre Depressionen in den Griff bekommen wollen.
Nach dem Aufnahmeprocedere, das online ganz einfach ist, und der Zuteilung zu den einzelnen Modulen geht es recht schnell zur Sache. Die Teilnehmer schreiben ihre jeweilige Situation in ein Online-Tagebuch, in dem sie von ihrem Alkoholkonsum berichten. Ihnen zur Seite gestellt sind virtuelle Freunde, die sie während der gesamten sechswöchigen Kursdauer begleiten und beraten. Jeder Teilnehmer kann sich seinen virtuellen Freund selbst aussuchen. Diese Freunde erzählen ihre ganz persönliche Geschichte, die Idee dahinter ist, dass man sich jenen Freund aussucht, mit dem man sich am meisten identifiziert. Daneben hat man jederzeit die Möglichkeit bei Fragen zum Online-Tool einen persönlichen eCoach zu kontaktieren. Dieser begleitet einem durch die sechs Wochen mit zusätzlichen Tipps und Hinweisen. Aber: Geben die Teilnehmer ihren Umgang mit dem Alkohol wirklich ehrlich zu Protokoll? Dazu der Fachpsychologe vom ISGF, Michael Schaub, im „Alk-Info“-Gespräch: „Das alles verläuft von unserer Seite völlig wertfrei, es gibt keinen erhobenen Zeigefinger. Die Teilnehmer sind schließlich selber dafür verantwortlich, ob ihnen der Kurs etwas bringt. Dafür aber ist Ehrlichkeit eine große Voraussetzung.“
Keine Alkoholtherapie
Michael Schaub legt großen Wert auf die Feststellung, dass der Kurs eine Alkoholtherapie nicht ersetzen kann. „Auf unserer Homepage sind jedoch Einrichtungen zu finden, die weiterhelfen können.“ Was angeboten wird, erklärtDr. Michael Schaub Schaub wie folgt: „Wir bieten Strategien an was man machen kann, wenn einem der Alkohol zu viel wird. Unsere Teilnehmer müssen einerseits etwas gegen ihren Alkoholkonsum unternehmen und auch ihre Depressionen in den Griff bekommen wollen.“ Schaub betont auch, dass die Teilnehmer für das alltägliche Leben ohne oder mit einem reduzierten Alkoholkonsum fit gemacht werden sollen. „Unsere Teilnehmer sollen Nein-sagen lernen, sei es beim Einkaufen, bei Firmen- oder Familienfeiern oder bei Partys. Und wir bringen ihnen auch bei, wie sie ihre diesbezüglichen Erfolge sichern und beibehalten können“, so Schaub.
Auch Entzugserscheinungen oder ein starkes Verlangen nach Alkohol wird in den Modulen angesprochen. „Wir bringen den Teilnehmern Methoden bei, wie sie damit umgehen können“, erzählt Michael Schaub. „Onlineprogramme haben den Vorteil, dass sie von den Benutzern anonym und orts- wie auch zeitunabhängig genutzt werden können. Die Forschung zeigt, dass web-basierte Interventionen sowohl zur Reduktion des Alkoholkonsums, wie auch zur Verminderung depressiver Symptome geeignet sind“, ist Fachpsychologe Schaub überzeugt. Was aber ist das Ziel der Studie? „Das Programm Take Care of You verbindet nun erstmalig diese beiden Bereiche in einem Selbsthilfe-Tool. In der Studie soll herausgefunden werden, welchen zusätzlichen Nutzen eine solche Kombination birgt. Die Erfahrung zeigt, dass die Koppelung an eine Studie die Motivation der Teilnehmer zusätzlich erhöht.“
Teilnahmebedingungen
Entwickelt hat Michael Schaub das Projekt mit Alkoholikern in den verschiedensten Kliniken, aber Vorschläge zur Verbesserung, die von den Teilnehmern kommen, werden laufend aufgenommen. Teilnehmen kann jeder, der sich um seinen Alkoholkonsum seine depressiven Verstimmungen Sorgen macht. Er muss jedoch mindestens 18 Jahre alt sein, darf aktuell in keiner anderen Behandlung wegen depressiver Symptomen oder zur Reduktion seines Alkoholkonsums stehen und darf keinen Herzerkrankungen haben. Was ebenfalls nicht geht: Die Teilnehmer dürfen in den vergangenen zwölf Monaten keine Suizidpläne gehabt haben und weibliche Teilnehmen dürfen nicht schwanger oder am Stillen sein. Und sollten während der Teilnahme starke Entzugssymptome oder andere gesundheitliche Probleme auftreten, so soll sofort ein Facharzt aufgesucht werden. Aus welchem Land ein Teilnehmer kommt, ist egal, er muss nur ausreichend Deutsch können. Nach dem sechswöchigen Kurs erfolgt sowohl drei als auch sechs Monate später eine Nachbefragung. Wie lange der Kurs noch angeboten wird? Dazu Michael Schaub: „Das wird weiterhin ein laufendes Projekt sein. Das Ergebnis der Studie werden wir, wenn sie beendet ist, in wissenschaftlichen Zeitschriften publizieren, was aber frühestes 2017 sein wird. Man kann also jederzeit einsteigen. Das und die Anonymität sind wichtige Einstiegshilfen für alle, die sich Sorgen um ihren Alkoholkonsum und damit verbunden um ihre Gesundheit machen.“

Zum Selbsthilfe-Tool: www.takecareofyou.ch

Foto: psychologie.uzh.ch (1)