Innsbrucker Forscher-Team um Prof. Herbert Tilf gelang Sensation
Alkoholbedingte Leberentzündung bald therapierbar?

von Harald Frohnwieser

Zwischen 8000 und 10.000 Menschen in Österreich sterben jedes Jahr an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs, in Deutschland sind es ca. 74.000. Die meisten Menschen starben deshalb, weil ihre Leber nicht mehr mitspielte, in vielen Fällen war eine alkoholbedingte Leberentzündung (Hepatitis) das Todesurteil. Denn: Ist die Leber aufgrund des vielen Alkoholkonsums erst mal entzündet, ist sie nicht mehr zu retten. Doch einem Tiroler Forscherteam rund um Prof. Herbert Tilg, Direktor der Uni-KlinikMikroskopische Aufnahme einer durch chronischen Alkoholkonsum geschädigten Leber. Es zeigt sich ein zirrhotischer Umbau mit massiver Infiltration durch Entzündungszellen. Innsbruck für Innere Medizin, gelang nun eine Sensation: Anhand von Versuchen mit Mäusen konnten sie nachweisen, dass es möglich ist, die Leber zu therapieren. Im „Alk-Info“-Gespräch erzählt Prof. Tilg über seinen Erfolg und berichtet, warum er auf diesem Gebiet schon lange forschend tätig ist.

Bislang ist die einzige Rettung für Patienten, die an einer alkoholischen Leberentzündung litten, eine Transplantation. Doch ein passendes Spenderorgan zu finden, ist meist sehr schwierig und mit langen Wartezeiten verbunden. Eine Zeit, die die Patienten freilich kaum mehr haben. „Wenn jemand eine sehr schwere alkoholbedingte Entzündung der Leber hat, dann bleiben ihm im Regelfall nur mehr ein paar wenige Monate zu leben“, macht Herbert Tilg im „Alk-Info“-Gespräch wenig Hoffnung für all jene, deren Leber sich nach jahrelangem Alkoholmissbrauch entzündet hat. Warum es zu einer Entzündung überhaupt kommt, erklärt der Wissenschaftler, der seit mehreren Jahren die Innere Medizin der Universitätsklinik Innsbruck leitet, wie folgt: „Eine akute alkoholische Hepatitis tritt im Rahmen einer schweren Alkoholerkrankung auf, wenn die Leber bereits vorgeschädigt, also das Gewebe vernarbt ist. Fieber, Gelbsucht und ein extrem schlechter Allgemeinzustand begleiten die Entzündungsvorgänge, die die Leberfunktion zusätzlich verschlechtern. Kortison ist bislang die einzige Therapie, kann die Entzündung aber nicht mehr stoppen. Eine wirksame, lebensrettende Behandlung ist daher dringend erforderlich.“
Alkoholkrankheit von Forschung lange vernachlässigt
Doch eine solche gab und gibt es bisher leider nicht. Was dem Professor schon seit vielen Jahren keine Ruhe lässt. „Seit Jahren befasse ich mich mit dem Immunsystem der Leber und betreibe auch seit vielen Jahren Alkoholforschung“, sagt er. Tilg und sein Team wurden von der Pharmaindustrie bei seiner Forschungsarbeit bisher ignoriert, weil die „glauben, dass es Lukrativeres gibt, als hier Forschungsarbeiten zu unterstützen“. Auch vom Gesundheitsministerium kam keine Initiative, Forschungen auf diesem Gebiet zu fördern. Warum das so ist? „Alkoholismus ist bei uns leider immer noch ein Tabuthema. Deshalb kann man sich auch vom Ministerium nichts erhoffen“, stellt Herbert Tilg nüchtern fest. Und weiter: „Die Alkoholkrankheit wurde in der Forschung lange vernachlässigt, ja geradezu stigmatisiert. Und die Gesellschaft ist ohnehin der Meinung, wer trinkt ist selber schuld.“
Protein überschwemmt die Leber
Trotzdem haben er und seine Kollegin Dr.in Verena Wieser und Dr. Timon Adolph nicht locker gelassen. „Wir wussten, dass die Leber in diesem chronisch entzündlichen Stadium von bestimmten weißen Blutkörperchen,Univ.-Prof. Dr. Herbert Tilg, Erstautorin Dr.in Verena Wieser und Mitautor Dr. Timon Adolph PhD den neutrophilen Granulozyten, überschwemmt ist und dass LCN2, ein kleines, aus weißen Blutkörperchen gebildetes Eiweiß, eine relevante Rolle bei Entzündungsprozessen spielt“, berichtet Erstautorin Verena Wieser in einer Presseaussendung. „LCN2 ist ein Protein, das für das Immunsystem sehr wichtig ist, doch wenn es zu viel davon gibt, dann wird dieses Molekül zur Katastrophe. Es ist für den Entzündungsprozess der Leber verantwortlich“, erzählt Herbert Tilg im „Alk-Info“-Interview weiter.
Antikörper schützen vor Vergiftung
Die Wissenschaftler verglichen nun das Lebergewebe von alkoholkranken Patienten mit dem Lebergewebe von Menschen, die keinen Alkoholmissbrauch betreiben und stellten fest, dass das LCN2 nur bei den Alkoholikern aufscheint. Nun gingen Tilg und seine Kollegen weiter und stellten in Versuchen an Mäusen fest, dass man die Leber mit neutrophilen Granulozyten (Antikörper) weitgehend vor einer Überschwemmung des Proteins LCN2 schützen kann. Im Klartext: Die überschießende Reaktion der Immunabwehr, die den Körper vergiftet, kann mit sogenannten Antikörpern eingebremst werden. Obwohl jene Mäuse, denen die Antikörper verabreichten, weiterhin Alkohol verabreicht bekamen, wurde deren Leber nicht entzündet.
Wann unterstützt Pharmaindustrie die Forschung?
„Da ist uns wirklich eine Sensation gelungen“, freut sich Herbert Tilg. Aber ganz ausschalten dürfe man das Protein auch wieder nicht, weil es vom Immunsystem benötigt wird, so der Professor. „Das könnte ein entsprechender Zugang für eine Behandlung des späteren und mit einer hohen Sterblichkeit verbundenen Stadiums der Alkoholkrankheit werden“, blickt Herbert Tilg in die die Zukunft. Könnte? Bestehen doch noch Zweifel am Erfolg? „Nein, Zweifel bestehen absolut keine. Es ist jedoch fraglich, ob die Pharmaindustrie auf diese Erkenntnisse anspringt und in die Entwicklung in die Therapie investiert“, gibt Tilg zu bedenken. Da aber mittlerweile auch die chronische Hepatitis C geheilt werden kann, hoffen Tilg und seine Mitstreiter, dass sie von der Pharmaindustrie nun doch finanziell unterstützt werden, damit sie ihre Forschungen fortsetzen können.
Branche spendet Beifall
Wie könnte eine Therapie für einen Patienten mit einer alkoholbedingten Leberentzündung in Zukunft aussehen? Herbert Tilg: „Höchstwahrscheinlich würden sie dann Infusionen bekommen. Aber wie viele und wie oft, steht noch in den Sternen, da muss noch weiter geforscht werden.“ Ebenso in den Sternen steht, wann es endlich so weit ist, dass Patienten trotz einer alkoholbedingten Leberentzündung nicht sterben müssen. „Da liegt noch eine harte Arbeit vor uns“, stellt Tilg fest. Und weiter: „Aber das war es ja bereits auch bisher. Wir haben nichts aus dem Ärmel geschüttelt, der Erfolg kam nicht von heute auf morgen. Wir haben drei Jahre lang sehr intensiv geforscht.“ Eines ist den Forschern freilich jetzt schon gewiss: Die Branche spendet nach der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse Beifall. Fragt sich nur, wann das die Pharmaindustrie und das Ministerium das auch tut und nicht nur schöne Worte, sondern auch Geld spendet.

Fotos: MUI / V.Wieser (1), MUI (1)